Kampf ums Kanzleramt
Merkel startet Flucht nach vorn

Angela Merkel wollte die Union zum Wahlsieg führen. Doch das Ergebnis ist für die CDU-Chefin verheerend. Der einst deutliche Vorspung schmolz dahin. Nun bleibt Merkel nur die Flucht nach vorn. Gleich am Dienstag will sie sich zur Fraktionsvorsitzenden wählen lassen. Doch ihre Gegner sitzen bereits in den Startlöchern.

HB BERLIN. Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel wird sich nach dem knappen Ergebnis bei der Bundestagswahl am Dienstag nach Angaben aus Unionskreisen der Wahl zum Fraktionsvorsitz stellen. Derzeit gebe es zu der CDU-Chefin für diesen Posten keinen Gegenkandidaten, hieß es am Montag aus Unionskreisen. Ursprünglich standen für die Sitzung keine Wahlen der Fraktionsspitze auf der Tagesordnung. Ziel ist es offenbar, Merkel durch eine Wiederwahl das Mandat für Verhandlungen mit den anderen Parteien über eine Regierungsbildung zu erteilen.

Zuvor hatte sich der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus für rasche Wahlen zum Vorsitz der CDU/CSU-Fraktion ausgesprochen, damit der Verhandlungsauftrag für Gespräche mit den anderen Parteien klar sei. "Da kann man jetzt nicht zwei Wochen warten, bis die Fraktion sich gefunden hat", hatte er gesagt.

Nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis ist die Union unter Führung Merkels mit 35,2 Prozent deutlich unter ihren Erwartungen geblieben. Merkel wollte mit der FDP die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder ablösen. Trotz der Stimmengewinne der Liberalen hat Schwarz-Gelb eine Regierungsmehrheit verfehlt.

Sollte Merkel bei den Wahlen zum Fraktionsvorsitz kein eindeutiges Ergbenis erlangen, könnten auch die Treueschwüre für sie verstummen. Mehr als drei Prozent hat sie weniger eingefahren als Stoiber 2002 - das drittschlechteste Ergebnis für die Union seit 1949. Zugesetzt haben dürfte Merkel am Wahlabend zudem ein vor Selbstbewusstsein strotzender Kanzler GerhardSchröder, der im Willy-Brandt-Haus strahlend verkündete, er habe die Wahl haushoch gewonnen.

Erste massive Kritik aus den eigenen Reihen

In den Wahlkampf war Merkel mit Traumwerten in den Umfragen gestartet. Nun drohen von ihren parteiinternen Widersachen erneut massive Angriffe. Nach ihrem rasanten Aufstieg innerhalb von 15 Jahren zur Kanzlerkandidatin dürfte sie zu spüren bekommen, dass ihr die feste Verankerung in der Partei weiter fehlt. Noch in der Nacht begann der Rückhalt für Merkel zu bröckeln. Inmitten der Hochrechnungen stratete bereits CDU-Finanzexperte Friedrich Merz seine Verbalattacken gegen den Merkels Wahlkampf-Strategie. Er sagte dem ZDF-"Heute-Journal" zufolge, über das Ergebnis werde man sprechen müssen. "Der ganze Wahlkampf ist sicherlich nicht optimal geführt worden", erklärte Merz.

Als weiterer führender Unionspolitiker äußerte CDU-Präsidiumsmitglied Karl-Josef Laumann massive Kritik. "Die Partei war zu wenig für die Arbeitnehmer da", sagte Laumann, der Vorsitzender des CDU-Arbeitnehmerflügels CDA ist. "Das ist in diesem Wahlkampf sträflich vernachlässigt worden." Es habe ein Schattenkabinett gegeben, in dem kein einziger Sozialpolitiker vertreten gewesen sei.

Der nordrhein-westfälische Arbeitsminister kritisierte weiter, die Union sei im Wahlkampf zu einseitig aufgestellt gewesen. "Diejenigen, die das toll fanden, haben mit der Zweitstimme auch noch FDP gewählt." Laumann forderte: "Die CDU muss sich besinnen, wo sie herkommt."

Generalsekretär Volker Kauder versuchte zu schlichten. Merkel sei in der CDU "unbestritten, auch gestern im Präsidium", sagte er. Merkel werde "mit großer Einmütigkeit den Auftrag zur Regierungsbildung" bekommen. Die CDU-Chefin könne auf Loyalität in der Partei setzen. Es sei müßig, jetzt zu überlegen, was im Wahlkampf hätte anders laufen können. Kauder sagte weiter, die Union müsse den Blick nach vorn wenden. Das Land sei in einer tiefen Krise. Es gehe nun darum, mit allen zu sprechen und herauszufinden, in welcher Konstellation die Vorstellungen der Union am ehesten umzusetzen seien.

Seite 1:

Merkel startet Flucht nach vorn

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%