Kindergartengebühren
Vorschnelle Lösungen

Der Sozialdemokrat Klaus Wowereit will Bürgermeister der Hauptstadt bleiben und hat sich ein besonderes Wahlgeschenk ausgedacht: Die Berliner sollen bald nichts mehr für den Kindergarten bezahlen.

Dass die Gebühren erst vor drei Jahren kräftig erhöht wurden, ist Schnee von gestern. Wowereit steht nicht allein. Christdemokrat Peter Müller kam 2000 im Saarland auch mit dem Versprechen an die Macht, zumindest das letzte Kindergartenjahr kostenlos zu machen. Das gibt es neuerdings auch im schwarz regierten Hessen. SPD-Chef Kurt Beck holte im Frühjahr in Rheinland-Pfalz die absolute Mehrheit – auch weil er den Eltern bis 2010 sämtliche Gebühren erlassen will.

Doch die Frage der Kindergartengebühren ist zu ernst, als dass sie nur allein im Wahlkampf diskutiert werden sollte. Denn wenn Deutschland sein Bildungsproblem lösen will, muss es bei Kindergartenkindern anfangen. Zwar ist es für rund zwei Drittel der Eltern heute selbstverständlich, ihre Jüngsten spätestens ab dem vierten Jahr in den Kindergarten zu schicken, im letzten Jahr vor der Schule liegt die Quote gar bei 90 Prozent. Zu Hause bleiben jedoch gerade jene, die es besonders nötig hätten: Kinder aus sozial schwachen Familien und Migrantenkinder. Entsprechend hinken sie dann bereits zu Schulbeginn hinterher. Und so nimmt das größte Problem des deutschen Bildungssystems seinen Lauf – die extrem hohe Abhängigkeit des Schulerfolgs von der sozialen Herkunft, die die Schule bisher kaum aufzubrechen vermag. Die Abschaffung der Kita-Gebühren soll nun dafür sorgen, dass auch diesen Kindern der Kindergartenbesuch nicht länger vorenthalten wird.

Aber es stellt sich nicht nur die Frage, ob das funktioniert. Es muss vielmehr diskutiert werden, ob die Länder zur Erreichung des Ziels überhaupt auf Gebühren verzichten sollten, die bislang weitgehend widerstandslos bezahlt werden – schließlich bildet der Kindergarten nicht nur, sondern ermöglicht Eltern auch zu arbeiten. Die Ausgabe für Gebühren lohnt sich also im Zweifel auch finanziell für Eltern.

Üblicherweise argumentieren Bildungspolitiker unisono, dass Deutschland mehr Geld im System braucht und den Rückgang der Geburtenzahlen dazu nutzen muss, die Verhältnisse zu verbessern. Bei den Hochschulen sind zumindest Union und FDP einig, dass hierfür auch mehr privates Geld und Studiengebühren nötig sind. Beim Kindergarten dagegen gibt es mittlerweile in allen Parteien Anhänger einer Gebührenbefreiung – in Berlin bis hin zur sonst so auf den Rückzug des Staates bedachten FDP. Dabei wird übersehen, dass es gerade in der vorschulischen Bildung noch viel zu tun und damit auch zu bezahlen gibt. Erstens kostet es mehr Geld, wenn tatsächlich alle Kinder in den Kindergarten kommen. Zweitens ist im Westen Deutschlands der Ganztagskindergarten noch immer die Ausnahme. Und drittens gilt es, die Ausbildung der Erzieherinnen zu verbessern. Diese geht bislang nicht über eine Fachschule hinaus. Wenn wir aber den Bildungsauftrag des Kindergartens ernst nehmen, muss ein nennenswerter Teil der Kindergärtnerinnen eine akademische Ausbildung erhalten. Schließlich liegt auch die sprachliche Förderung der Kleinsten vielfach im Argen. In Berlin etwa hat jedes vierte Kind zu Schulbeginn massive Probleme, sich auf Deutsch auszudrücken. Viele davon, obwohl sie in einem Kindergarten waren.

Da all dies Geld kostet, liegt es nahe zu überlegen, ob man Eltern, die sich weigern, ihre Kinder in den Kindergarten zu schicken, auch ohne kompletten Gebührenverzicht überzeugen kann. So könnte man die Gebühren stärker nach Einkommen staffeln, so dass sozial schwache Familien nichts mehr zahlen. Auch müsste es möglich sein, die betroffenen Familien – in Berlin geht es um 5000 bis 8000 Kinder – direkt anzusprechen und für die Kita zu werben. Effektiv wäre auch eine Kindergartenpflicht, zumindest im letzten Jahr. Doch eine solche wagen bislang nur die Wirtschaftsverbände zu fordern, die die frühkindliche Bildung als Standortfaktor erkannt haben.

Zugegeben: All dies ist nicht einfach zu verwirklichen. Mit dem Versprechen, Erzieherinnen besser auszubilden oder die Sprachförderung von Kleinkindern auszubauen, lassen sich viel weniger Wählerstimmen fangen als mit dem Schlachtruf nach der Totalabschaffung der Gebühren.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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