Kommentare
Kleinmut und Größenwahn

Nun also auch MAN. Nach Adidas, Deutscher Post, BASF, Linde und Eon schickt sich ein weiterer deutscher Konzern an, einen globalen Konkurrenten zu übernehmen.

Und die Welle schlägt aller Wahrscheinlichkeit nach in der nächsten Zeit noch höher. Schon hört man beispielsweise aus der Bayer AG, dass nach der Integration von Schering weitere Akquisitionen möglich sein könnten. Die Investmentbanken laufen den deutschen Unternehmen ohnehin die Türen ein mit neuen Vorschlägen für spektakuläre Deals.

Von dem Werbepapst David Ogilvy stammt der schöne Satz, Großfusionen seien etwas für Größenwahnsinnige. In den achtziger und frühen neunziger Jahren, als die Herren mit den bunten Hosenträgern und dem fußballfeldgroßen Ego die Szene beherrschten, stimmte dieser Befund. Aber bei den jetzigen Übernahmen fehlen das krachende Gehabe und selbstverliebte Triumphgeheul völlig, für das ein Jürgen Schrempp mit seiner megalomanischen Idee von der „Welt AG“ stand. Die Fusionen von heute sind mit spitzer Feder gerechnet, tausendmal überlegt und hundertmal durchgespielt. Konzernlenker wie Jürgen Hambrecht bei der BASF oder Wolfgang Reitzle bei Linde neigen nicht zu Schnellschüssen. Deshalb honorieren die Finanzmärkte ihre Firmenkäufe auch, statt sie zu bestrafen wie andere Fusionen in den achtziger Jahren.

Gerhard Schröder träumte als Bundeskanzler davon, „europäische Champions“ zu schaffen. Nun entstehen ganz von allein und völlig ohne staatliche Regie neue Weltmarktführer. Sie verändern die Logik der deutschen Industrie nachhaltig. Die Unternehmen internationalisieren sich noch schneller, in die Konzernvorstände ziehen ausländische Manager ein, das Deutschlandgeschäft sorgt nur noch für einen kleinen Teil der Gesamterlöse. Die politische Idee einer „nationalen“ Volkswirtschaft löst sich weiter auf. Die Kluft zwischen ökonomischer Basis und politischem Überbau wächst.

Diese Entwicklung ist zwar nicht neu, aber sie erhält durch die jetzige Übernahmewelle einen weiteren gewaltigen Schub. Die Folgen für den Standort Deutschland und unsere Jobs zeigen sich erst in ein, zwei Jahren. Neben gewaltigen Chancen lauern, wie immer bei solchen Umbrüchen, große Risiken. Zwei Szenarien sind denkbar: das finnische und das japanische. In Finnland haben Konzerne wie Nokia in den letzten 15 Jahren einen gewaltigen Modernisierungsschub in der ganzen Wirtschaft ausgelöst und viele Betriebe mitgezogen. In Japan entwickeln sich die effizienten Exportindustrien und die hoffnungslos veralteten, vom Staat geschützten Binnensektoren auseinander.

In Deutschland sollte die jetzige Übernahmewelle deshalb die ordnungspolitische Debatte befeuern: Welche Wirtschafts-, Finanz- und Forschungspolitik brauchen wir, um die Stärke unserer neuen Weltmarktführer maximal zu nutzen, um die Konkurrenzfähigkeit des ganzen Standorts zu stärken? Solche Überlegungen liegen unserer politischen Klasse bisher leider völlig fern. Kurzsichtig hechelt sie hinter den alten Problemen her, während längst schon die neuen Hürden emporwachsen, zum Beispiel der Mangel an bestausgebildeten Akademikern. Deutschland leidet nicht an Größenwahn, sondern eher an Kleinmut.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%