Koalitionspoker
Hintergrund: CDU nur acht Jahre lang stärkste Partei

Gerhard Schröder hat mit seinem Anspruch viele überrascht. Nach seiner Lesart und der seiner Partei ist die SPD die stärkste Kraft im neu gewählten Bundestag, da CDU und CSU zwei unterschiedliche Parteien sind. Formal ist seine Begründung korrekt. Allerdings stellt sich die Frage, warum die SPD nicht früher auf diese Idee gekommen ist - die kritisierte Fraktionsgemeinschaft besteht seit 1949.

stm DÜSSELDORF. Formal betrachtet hat Gerhard Schröder Recht. Mit einem Wahlergebnis von 34,3 Prozent für die SPD kann die CDU mit 27,8 Prozent nicht mithalten. Auf ihren größeren Stimmanteil kommt die Union erst, weil sich ihre Fraktion aus den Sitzen von CDU und CSU zusammensetzt. Diese Kooperation betreiben die beiden Parteien seit den ersten Wahlen in der Bundesrepublik. Zu Beginn jeder Legislaturperiode unterzeichnen die Parteivorsitzenden seitdem eine Erklärung, dass sie im Bundestag gemeinsam auftreten.

Historisch betrachtet ist das, was der Bundeskanzler sagt, jedoch schwierig nachvollziehbar. Rechnet man nämlich die Wahlergebnisse der Unionsparteien einzeln, hätte die CDU es in der Geschichte Deutschlands wahrlich schwer gehabt, ihre Bundeskanzler zu legitimieren: Seit 1949 hätte die CDU alleine für gerade einmal acht Jahre die größte Fraktion im Bundestag gestellt - von 1953 bis 1961. Außerdem verzichtet die CDU für ihre Schwesterpartei vollständig auf einen Landesverband Bayern und kann dort folglich keine Bundestagsmandate erringen.

Auch während der großen Koalition von 1966 bis 1969 akzeptierte die SPD den CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger ohne Murren, obwohl sie nach Schröders Interpretation ein Anrecht auf die Kanzlerschaft gehabt hätte: Die SPD lag damals 1,9 Prozentpunkte vor der CDU, jedoch 8,3 Prozentpunkte hinter der Union.

Im einzelnen läuft die Kooperation der beiden Parteien so ab: Die CSU ist die mit Abstand stärkste Partei in Bayern und tritt auch zu Bundestagswahlen nur in diesem Land an. Das bringt ihr bundesweit Ergebnisse zwischen fünf und zehn Prozent ein. Die CDU überlässt der Schwesterpartei ihr Bundesland und tritt dort nicht an. Nach der Wahl bilden die beiden Parteien dann eine gemeinsame Fraktion, die "Union".

Diese Partnerschaft war nicht immer ungefährdet. 1976 kündigte der damalige CSU-Chef Franz Josef Strauß in Wildbad Kreuth die Partnerschaft auf und drohte mit einer bundesweiten Ausdehnung seiner Partei. Erst, als die CDU unter Helmut Kohl ihrerseit eine Expansion nach Bayern ankündigte, nahm die Schwesterpartei ihren Trennungsbeschluss zurück.

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