Kommentar
Bitterer Beigeschmack

Die Karlsruher Verfassungsrichter haben entschieden: Der Bund darf den Ländern den Königsweg zur Professur nicht so ohne weiteres vorschreiben. Die „Juniorprofessur“ als Modell der Zukunft ist wieder fraglich geworden. Die Länder schwenken die Fahne des Föderalismus und freuen sich ihres Sieges.

Ein vorschneller Jubel. Denn was wird nach dem Urteilsspruch kommen? Der Bund wird wohl ein neues Gesetz formulieren, das dann sowohl die Juniorprofessur als auch die alte, aber zeitraubende und international unübliche Habilitation als Karriereweg erlaubt. Folgen wird ein großes Durcheinander – auf Kosten des akademischen Nachwuchses. Und das alles, weil der Bund den großen Sprung nicht anordnen darf und die Länder lieber kleine Sprünge in verschiedene Richtungen machen.

Zur Klarstellung: Kaum ein Land ist per se gegen die Juniorprofessur. Doch wie so oft in der Bildungspolitik ist die Frage nach dem Sinn und Nutzen eher zweitrangig. Lieber wird eine Idee bekämpft, weil sie vom Bund kommt, und nicht, weil sie schlecht oder nicht gut genug ist.

Das wäre nicht weiter tragisch, wenn die Länder denn in der Vergangenheit bewiesen hätten, dass sie das deutsche Bildungswesen allein auf Vordermann bringen könnten. Genau diesen Beweis sind sie aber bis heute schuldig geblieben. Sonst hätten sie dafür gesorgt, dass der deutsche Professorennachwuchs nicht entnervt aufgibt und das Land in Richtung Harvard oder Stanford verlässt. Oder sie hätten frühzeitiger den Bedarf an Ganztagsschulen und die damit verbundenen Chancen erkannt. Oder auch dafür gesorgt, dass unsere 15-jährigen Schüler so viel können wie ihre Altersgenossen in Finnland.

All dies aber haben die Länder in Sachen Bildungspolitik nicht getan – weder jedes Land für sich noch alle gemeinsam. Deshalb hat das Urteil aus Karlsruhe auch einen bitteren Beigeschmack. Bildung und Wissenschaft sind zu wichtig, als dass sie der föderalen Kleinstaaterei zum Opfer fallen dürfen. Es spricht auf diesem Feld viel für eine Bündelung der Kräfte von Bund und Ländern. Die Föderalismuskommission bietet dafür eine Chance. Sie ist klein, denn die Zeichen stehen derzeit eher auf Abkoppelung. Aber sie ist noch nicht gänzlich vertan.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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