Kommentar
Das Ende der Zinspolitik

Mit Mini-Leitzinsen versuchen Amerika, Europa und Japan, die Wirtschaft aufzupäppeln. Für Sparer bedeutet das Verluste. Und das Ausweichen in neue Risikoanlagen könnte den Boden für die nächste Finanzkrise bereiten.
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Die US-Notenbank Fed hat gestern angekündigt, dass sie ihre Leitzinsen noch weitere drei Jahre nahe Null halten wird. Auch in Europa steht eine lange Phase extrem niedriger Leitzinsen bevor. In Japan spielt die Zinspolitik bereits seit Jahren keine Rolle mehr, weil die Leitzinsen am unteren Minimum festliegen. Damit sind alle großen traditionellen Wirtschaftsblöcke in einer Lage, in der die Geldpolitik auf Sicht die Wirtschaft mit aller Kraft stimuliert. Es mag angesichts der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise im Moment keine Alternative dazu geben, aber trotzdem lohnt sich die Frage, was diese außergewöhnliche Lage auf längere Sicht bedeutet.

Für die Anleger ist sie jedenfalls keine gute Nachricht. Staatsanleihen waren stets die solide Grundausstattung aller Investment-Portfolios, für konservative Anleger wie Versicherungen und Pensionsfonds machen sie traditionell den größten Teil aus. Das enorme Anlagekapital, das die alternden westlichen Gesellschaften also für den Ruhestand sparen, wird auf viele Jahre hinaus zwangsläufig kleinere Renditen abwerfen, obwohl das Verlustrisiko eher gestiegen ist. Die Verwalter dieser Billionenvermögen werden keine andere Wahl haben, als größere Anteile in riskante Anlagen zu stecken. Das Schattenbankensystem wird daher weiter wachsen, Hedge-Fonds und Private-Equity-Fonds, dem Rohstoffmarkt und anderen riskanteren Anlageformen wird mehr Geld zufließen. Damit wird die Saat für die nächste Finanzkrise gesät.

Außerdem stellt sich die Frage, welche Bedingungen eigentlich eintreten müssen, damit die Zentralbanken ihre extrem lockere Geldpolitk wieder aufgeben und nach und nach in die Normalität zurückkehren. Schließlich müssen sie auch noch ihre Billionenbestände an Anleihen wieder loswerden, mit deren Kauf sie die Wirtschaft stimuliert haben, als die Zinsen schon bei Null waren. Schauen wir auf die USA: Die Fed begründet ihre Prognose, dass die Leitzinsen bis Ende 2014 bei Null bleiben, mit der schleppenden Erholung der US-Wirtschaft. Gleichzeitig sagt sie voraus, dass diese Wirtschaft im laufenden Jahr um rund 2,5 Prozent wachsen wird. Welche Wachstumsrate wäre denn nötig, damit die ersten Schritte Richtung Normalität denkbar werden? Vier Prozent? Fünf? 

Es stellt sich die Frage, ob die US-Wirtschaft überhaupt jemals wieder so stark wachsen wird, wenn die Regierung weiterhin weder die nötigen strukturellen Reformen noch den Schuldenabbau angeht. Wir alle sollten hoffen, dass dieser Weg der Geldpolitik nicht dazu führt, dass die Menschen nach den Banken und den Staatsfinanzen auch noch das Vertrauen in die Zentralbanken verlieren. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, hat genau davor diese Woche auf der vom Handelsblatt mitveranstalteten Konferenz "Ökonomie neu denken" gewarnt.       

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom

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  • Wer, lieber Herr Heilmann, hat denn heute noch Vertrauen in die Staatsbanken?
    Das FED gehört nach Meinung prominenter US-Politiker (u.a.Präsidentschaftsbewerber Ron Paul) abgeschafft.
    Das Privatunternehmen FED hat dazu beigetragen, dass über viele Jahre der US-Bürger enteignet wurde.
    Unsere EZB ist nicht nur eine Bad Bank geworden, sondern schickt sich an, sogar eine Worst-Bank zu werden.
    Der absehbare Euro- und später Dollar-Crash sollten uns sowieso davon abhalten, unser Geld in Staatsanleihen zu stecken.
    Was sollen wir also damit machen: In Sachwerte, Gold und Silber investieren.

  • Seit Beginn der Rettungsaktionen ist die Verschuldung aller Beteiligten – auch der Retter – bestaendig weiter gestiegen. Die Maerkte verlangen fuer steigende Verschuldung eine hoehere Risikopramie, sprich Zinsen. Die Zinsen ihrerseits treiben die Verschuldung in die Hoehe. Das wird von der Politik erkannt und man versucht in immer verzweifelteren Aktionen die Zinsen auf Niedrigstniveau zu halten. Zentralbanken sind bereits dabei die Hoheit ueber den Zins zu verlieren. Der Autor erkennt sehr richtig, dass private Anleger keine Zinsen unterhalb der Inflationsrate akzeptieren und nach Anlagealternativen suchen.

    So sich die privaten Anleger der staatlichen Kreditnachfrage zu niedrigen Zinsen verweigern, bleibt letztendlich nur der Ausweg das die Zentralbanken den Kreditbedarf der Staaten befriedigen. Wir sehen das in England, Japan, den USA und in Europa, wobei die Wahl der Mittel verschieden ist. Die EZB finanziert Staaten ueber den Ankauf von Staatsanleihen und die Bereitstellung von nahezu unbegrenzter Liquiditaet. Das ist Gelddrucken!

    Unterdessen wenden sich private Anleger Rohstoffmaerkten zu. Die daraus folgenden Preisteigerungen koennen schnell zur Initialzuendung fuer eine Inflationsspirale werden. Es wird gern behauptet, es gaebe keine Inflationsgefahr weil sich die Konjunktur bisher moderat entwickelt, vielleicht zurueckgeht. Kein Unternehmer wird dauerhaft Produkte unter Kostenpreis verkaufen koennen. Er wird seine Produktion zurueckfahren. Inflationspotential ergibt sich also nicht nur aus steigenden Rohstoffpreisen, sondern auch aus Verknappung der Produkte. Inflation bei sinkender Wirtschaftsleistung ist ein bekanntes Phaenomen, was nicht mal selten ist, man nennt es Stagflation.

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