Kommentar
Der kluge Manager baut vor

Unternehmen klagen unter der Hand über den wachsenden Druck von Nicht-Regierungsorganisationen. Die Konzerne suchen die Kooperation, um Ärger zu vermeiden. Doch sie können den Dialog auch als Chance begreifen.
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Das Thema ist brisant. Und deshalb redet am liebsten niemand darüber - auf keinen Fall in der Öffentlichkeit. Sogenannte Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) machen den Unternehmen immer häufiger zu schaffen, setzen Manager unter Druck, weil ein Lebensmittel nicht den Prinzipien nachhaltiger Agrarwirtschaft entspricht, weil das soziale Engagement des Konzerns zu wünschen übrig lässt - oder weil das Unternehmen ganz einfach etwas macht, was es nach Ansicht der NGOs keinesfalls tun sollte.

Das offen zu beklagen, traut sich niemand. Unter der Hand verraten viele Manager, dass sie schlicht und ergreifend Rache fürchten. Eine Untersuchung der Universität des Saarlandes hat zutage gefördert, dass ein Viertel von 200 befragten Firmen schon das Ziel eines NGO-Angriffs war, dass die Hälfte damit rechnet, in Zukunft Konflikte mit NGOs austragen zu müssen und dass Prävention die bevorzugte Lösung ist.

Die meisten Manager sehen also in der Zusammenarbeit mit NGOs eine Strategie, um Ärger zu vermeiden. Organisationen wie Greenpeace, WWF und Dutzende anderer mögen darin einen Erfolg ihrer Arbeit sehen. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Industrie selbstherrlich über Herkunft, Gestaltung und Vermarktung ihrer Produkte entscheiden konnte, in der die Hersteller allein entschieden, unter welchen Bedingungen ihr Produkt entsteht und aus welchen Materialien.

Den NGOs macht die neue Kommunikation via Facebook oder Twitter das Leben einfach. Einen Sturm der Entrüstung über den Nestlé-Schokoriegel oder den neuen BMW 7er loszutreten ist heutzutage ein Leichtes. Die Unternehmen dagegen tun sich schwer, mit der ungewohnten Öffentlichkeit umzugehen. Schon deshalb empfinden viele Manager das unkonventionelle Vorgehen der Organisationen als Druck. In anderen Regionen, beispielsweise in Großbritannien, ist es schon seit vielen Jahren üblich, auf die NGOs zuzugehen und mit ihnen zu kooperieren.

Hierzulande ist das für viele noch Neuland. So naheliegend Kooperationen, so selbstverständlich Kompromisse zwischen Firmen und NGOs sind: Vorsicht ist geboten. Eine allzu enge Liaison kann ein Unternehmen sogar in arge Schwierigkeiten bringen. Wer sich den Interessen seiner Stakeholder verpflichtet sieht - und das tun heute eigentlich alle gut geführten Kapitalgesellschaften - muss damit nicht automatisch auch Nichtregierungsorganisationen einschließen.

Aktionären gehört das Unternehmen; Kunden und Lieferanten gehen Verträge mit ihm ein, Gewerkschaften vertreten die Rechte der dort Arbeitenden. Selbst der Staat steht als Steuereintreiber oder als Normsetzer in Umweltfragen in einer engen Beziehung zum Unternehmen. NGOs aber fehlt jegliche Legitimation. Sie handeln einzig und allein aus der Überzeugung heraus, das Richtige zu fordern, und finden darin Unterstützung durch freiwillige Unterstützer.

Das deutsche Aktienrecht würde es einem Vorstand geradezu verbieten, Verträge oder Verabredungen mit einer NGO zulasten der anderen Stakeholder zu schließen. Zum Glück haben die Manager laut Studie noch die andere Seite der Medaille entdeckt. Der Dialog mit NGOs eröffnet ihnen die Chance, gesellschaftliche Strömungen aufzunehmen - und zwar frühzeitig.

Der moderne Manager wird ja nicht müde, seine Kunden als beste Mitentwickler neuer Produkte und Dienstleistungen zu preisen. Mit den Nicht-Regierungsorganisationen hätte er die Gelegenheit, gefühlten und unangenehmen Druck auf sein Unternehmen in reale und gewinnbringende Geschäfte umzuwandeln.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent

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