Kommentar
Die Nation kehrt zurück

Kabul, Rom, Tripolis, Algier – mit den Reisestationen der vergangenen Woche demonstrierte der Bundeskanzler seine Weltläufigkeit. Sein Volk hat Gerhard Schröder bei der Gelegenheit als provinziell gescholten.

Ein abwegiger Vorwurf, denn noch nie sind die Deutschen so viel rund um den Globus unterwegs gewesen, noch nie haben sie so viele Fremdsprachen gesprochen wie heute.

In einem Punkt hat der Kanzler allerdings Recht: Die Deutschen sind sich zu wenig ihrer Geltung in der Welt bewusst. Zwei Beispiele: In Afghanistan wollen Tausende Menschen Deutsch lernen, weshalb das Goethe-Institut in Kabul hoffnungslos überlastet ist. In Iran wird Bundestrainer Jürgen Klinsmann als Held verehrt, weil er sich vor vielen Jahren für Erdbebenopfer des Landes engagiert hat.

Deutschland fällt es trotz seiner Geschichte heute oft leichter, humanistische und demokratische Werte zu vertreten, deutsche Soldaten werden im Ausland – anders als die der USA – nicht als Herrscher, sondern als Helfer wahrgenommen. Dass sich Deutschland im Irak-Konflikt von den USA emanzipierte, hat seinen Ruf zusätzlich befördert, nicht nur in islamischen Ländern.

Schröder realisiert all dies und leitet daraus ein neues Nationalbewusstsein ab – mit handfesten Folgen: Die deutsche Außenpolitik lässt Europa in den Kulissen verschwinden und die Nation auf die Bühne zurückkehren. Das zeigt sich nicht allein am Werben um den deutschen Sitz im Uno-Sicherheitsrat, am Kampf um deutsche Interessen in Brüssel, an den Touren rund um den Erdball für die deutsche Wirtschaft. Spürbar ist daneben auch eine Ernüchterung über Europa.

Sie ist berechtigt, weil die gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik auf absehbare Zeit nicht zu machen ist und weil die europäische Industriepolitik zur Farce wird, wenn Frankreich nur seinen eigenen Vorteil sucht. Trotzdem gilt: Deutschland allein hat nicht die kritische Größe, um im globalen Wettbewerb mit der heutigen und den künftigen Weltmächten mitzuhalten. Isoliert werden die europäischen Nationalstaaten auf Dauer keine Chance haben. Deshalb darf der Pragmatiker Schröder aus purem Realismus die Vision Europa nicht vernachlässigen.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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