Kommentar
Die Physik der Macht

In diesen Tagen wird Angela Merkel wieder kleingeredet. Sie sei von mächtigen Männern umstellt, habe ihre Richtlinienkompetenz schon verloren. Vergessen wird dabei, dass auch ihre Amtsvorgänger Gerhard Schröder und Helmut Kohl als schwache Kanzler antraten. Kohl litt und überlebte unter dem Kreuz des Südens, Franz Josef Strauß. Schröder musste Oskar Lafontaine aus dem Kabinett und Parteivorsitz boxen.

Seit Konrad Adenauer wurde die Richtlinienkompetenz des Kanzlers durch den Machtanspruch der Koalitionsparteien begrenzt, die ihre Minister selbst benennen. Jeder Bundeskanzler muss bei Posten und Inhalten die unterschiedlichen Strömungen in den Volksparteien berücksichtigen: Wirtschaftsinteressen ebenso wie Gewerkschaften, Frauen, Kirchen, Landesverbände, Nord-, Ost- und Südlichter.

Jeder Kanzler brauchte Jahre der Durchsetzungsarbeit, um die zentrifugalen Kräfte des Machtsystems zu bündeln. Erst dann wird aus der schwachen Rolle, die ihm das Grundgesetz zuschreibt, eine zwar ungeschriebene, aber gelebte Präsidialdemokratie: Auf dem Höhepunkt ihrer Amtszeit waren die bundesdeutschen Kanzler fast so mächtig wie die direkt gewählten Präsidenten etwa Frankreichs und der USA.

Angela Merkel kommt auf diesem Weg schnell voran: Franz Müntefering und Edmund Stoiber leiten die wichtigsten Reformressorts; ihr persönlicher Erfolg ist der des Gesamtkabinetts. Diese Minister können nicht mehr opponieren, sondern müssen die unter Merkels Vorsitz formulierte Politik vermitteln. Ansonsten mischt die Ministerriege erfahrene Profis wie Schäuble mit Neuzugängen wie Ursula von der Leyen, Populisten wie Gabriel mit Technokraten wie Steinmeier und Steinbrück. Dass Merkel vor einer schwierigen Führungsaufgabe steht, das zeigt der Instant-Krach mit Seehofer. Es gibt aber auch keine Garantie gegen das Chaos eines Neuanfangs.

Es ist nicht Merkels Schicksal, vielmehr ihr Erfolgsrezept, dass sie immer wieder unterschätzt wird – und damit ganz gut fährt. Ihre effiziente Physik der Macht verzichtet auf männliche Machtrituale. Das könnte gut sein für Deutschland, das schnelle Reformen braucht.

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