Kommentar
Eine Frage des Anstands

Nach Volkswagen nun also Infineon: In einem bislang ungekannten Ausmaß ermitteln Deutschlands Staatsanwälte in den Vorstandsetagen von Großkonzernen. Manager aus den vordersten Reihen stehen im Verdacht, sich an zweifelhaften Geschäften beteiligt zu haben. Auch wenn Gerichte noch kein Urteil gesprochen haben, wiegen die Indizien gegen die Beschuldigten schwer. Regieren Betrug und Korruption in den Vorstandsetagen? Wirft die Manager-Elite ihre hehren Grundsätze über Bord?

Auf jeden Fall fällt es immer schwerer, lediglich von einzelnen negativen Ausnahmen in der deutschen Wirtschaft zu sprechen. Betrug und Korruption, persönliche Vorteilsnahme und die Vermischung betrieblicher und persönlicher Interessen kommen offenbar häufiger vor als bisher gedacht. Erst vor wenigen Wochen beschäftigte eine Korruptionsaffäre bei Daimler-Chrysler die Öffentlichkeit. Und am Jahresanfang war der frühere Rewe-Chef Berninghaus ins Visier der Staatsanwälte geraten. Wahrscheinlich wird es nicht allzu lange dauern, bis ein anderes großes Unternehmen in die Schlagzeilen gerät.

Viele rufen deshalb nach schärferen Gesetzen. Dabei reichen die bestehenden Vorschriften durchaus aus, um solche Vorfälle wie bei VW und Infineon zu verfolgen. Wenn die Unternehmen die Staatsanwälte mit allem Nachdruck unterstützen, müssen wir uns keine Sorgen machen: Die Strafverfolger werden mit korrupten Managern schon fertig. Wer die Aufklärung jedoch verzögert, bringt sein eigenes Unternehmen in Gefahr. VW registriert beispielsweise schon jetzt, dass die anhaltende Diskussion über die hauseigene Korruptionsaffäre bei der Kundschaft zur Kaufzurückhaltung beiträgt. Wirtschaftliches Eigeninteresse ist also für alle Unternehmen letztlich das beste Argument für eine enge Kooperation mit der Justiz.

Die deutsche Wirtschaft insgesamt muss klar machen, dass sie eine Grauzone in den Konzernen nicht tolerieren kann. Führungskräfte müssen von persönlichen Nebengeschäften grundsätzlich die Finger lassen. Das ist eine Frage des Anstands – und der ökonomischen Vernunft.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%