Kommentar
Falsche Analyse

Der hohe Ölpreis ist keine Gefahr für die Weltwirtschaft, solange er nicht dauerhaft die Marke von 50 Dollar übersteigt. Mit dieser Prognose beruhigten die meisten Ökonomen im Sommer besorgte Politiker und nervöse Finanzmärkte. Jetzt hat der Ölpreis diese Hürde genommen. Experten sprechen bereits von einem weiteren Sprung auf 60 Dollar. In den Hauptstädten der großen Industrienationen (G7) läuten wieder die Alarmglocken.

Bundeskanzler Schröder gibt den Spekulanten die Schuld für den Ölpreisschock. Die Finanzminister der G7 sollen deshalb bei ihrem Treffen am Wochenende in Washington für mehr Transparenz auf den Ölmärkten sorgen. Wenn alle über Verbrauch, Produktion und Lagerhaltung Bescheid wüssten, so kalkuliert der Kanzler, könnten die Spekulanten ihr Geschäft mit der Angst nicht fortführen.

So einfach, wie Schröder sich das vorstellt, ist es jedoch nicht. Der Ölmarkt gehört zu den transparentesten Rohstoffmärkten der Welt. Richtig ist, dass Spekulanten die aktuelle Situation ausnutzen. Sie reiten jedoch nur auf der Preiswelle wie Surfer. Die treibende Kraft für den Ölpreisanstieg sind große Investmentfonds, die ihr Portfolio gegen die Folgen hoher Ölpreise absichern wollen. Nicht mangelnde Transparenz, sondern gestiegene Risiken für Wirtschaft und Unternehmen treiben die Ölpreise an.

Diese Einschätzung deckt sich auch mit der Analyse des Internationalen Währungsfonds (IWF). In seinem neuen Ausblick auf die Weltwirtschaft nennt der IWF das Spekulationsmotiv erst an sechster Stelle bei den Ursachen für den Ölpreisanstieg. Weitaus wichtiger sind die stark gestiegene Nachfrage sowie Engpässe in der Produktion.

Die Finanzminister der G7 sollten deshalb gar nicht erst versuchen, den Preis für das schwarze Gold mit ein paar kosmetischen Korrekturen zu beeinflussen. Kurzfristig lässt sich daran wenig ändern. Umso wichtiger ist es, dass die großen Industrieländer die Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft beseitigen. Auch dafür hat der IWF ein Rezept vorgelegt: Amerika muss seine gigantischen Defizite im Haushalt und in der Leistungsbilanz abbauen. Europa und Japan sollten endlich ihre Binnennachfrage in Gang bringen. Wenn die Weltwirtschaft wieder im Lot ist, kann sie auch einem erneuten Ölpreisschock widerstehen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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