Kommentar
Griechen verdienen Respekt - und Hilfe

Das zweite Rettungspaket für Griechenland ist eine gute Lösung - aber ob der Plan der Euro-Zone auch aufgeht, ist ungewiss. Am Ende entscheidet allein das Wachstumstempo, ob das Land aus der Überschuldung findet.
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„Ja, mach nur einen Plan und sei ein großes Licht und mach dir einen zweiten Plan, gehen tun sie beide nicht.“ An diese Worte aus Bertolds Brechts Dreigroschen-Oper werden sich die Griechenland-Retter künftig noch öfter erinnern. Der Plan der Euro-Zone lautet: Griechenlands Schuldenlast sinkt von derzeit fast 170 Prozent auf 120,5 Prozent bis 2020. Dass die Führung der Währungsunion den verbleibenden griechischen Schuldenberg sogar auf das Komma genau vorausberechnete, ist ein Witz. Wie sich der Schuldenberg im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt entwickelt, hängt von der künftigen Wirtschaftsentwicklung des Landes ab. Die aber kann niemand vorhersagen. Keiner kann wissen, wann das Land aus der tiefen Rezession herausfindet und wie stark die griechische Wirtschaft dann wachsen wird. Davon allein hängt aber ab, wie die griechische Schuldenquote 2020 aussehen wird. Vielleicht steht das Land dann schlechter da als heute geplant, vielleicht aber auch viel besser.

Genauso sieht es mit der zweiten zentralen Zahl aus, die Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker heute früh nach einer langen Verhandlungsnacht präsentierte: Die Euro-Staaten geben Griechenland noch einmal Kredit - 130 Milliarden Euro bis 2014. Ob es dabei bleiben wird, steht in den Sternen. Denn niemand weiß, ob Griechenland sich nach 2014 wieder selbstständig an den Märkten finanzieren kann. Aus heutiger Sicht klingt das eher unwahrscheinlich. Deutschland und die anderen Geber-Staaten sollten sich darauf einstellen, dass sie einen Teil der Kredite an Griechenland irgendwann abschreiben müssen. Aus deutscher Sicht wäre das nicht nur ökonomisch sinnvoll, sondern auch moralisch gerechtfertigt. 

Schließlich hat Deutschland selbst nach dem Zweiten Weltkrieg von einem Schuldenerlass profitiert. Die USA verzichteten 1953 auf über 60 Prozent ihrer Forderungen an Deutschland. Daran sollte jeder denken, der sich beschwert, falls es einmal zu einem staatlichen Schuldenschnitt für Griechenland kommt.

Auch wenn Griechenlands Zukunft unsicher bleibt ist die gefundene Lösung eine gute Nachricht für die Euro-Zone. Politisch ist sie gut, weil sie zeigt, dass die Euro-Staaten in der Not zusammenhalten. Das ist ein wichtiges Signal an die Welt. Ökonomisch ist sie gut, weil eine Staatspleite Griechenlands das Vertrauen der Anleger in die Euro-Zone insgesamt noch einmal schwer erschüttert hätte - mit negativen Folgen für Portugal, Spanien, Irland und letztlich auch Deutschland.

Griechenland hat nun einen sehr schweren Weg vor sich. Alle Institutionen des Landes werden vom Kopf auf die Füße gestellt und völlig neu aufgebaut. Die Einkommensverluste für breite Bevölkerungsschichten sind gewaltig. Für diese Anstrengung haben die Griechen Respekt verdient - und keine Häme von ewigen Besserwissern aus Deutschland und anderswo. 

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel

Kommentare zu " Kommentar: Griechen verdienen Respekt - und Hilfe"

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  • Ja, ja, das Märchen des Marshallplans:
    von den insgesamt 14 Mrd. $ gingen ca. 1,4 an Deutschland und knapp 0,7 Mrd. an Griechenland. Bezogen auf die Bevölkerung hat Griechenland bereits aus dem echten Marhall-Plan dreimal soviel Geld erhalten wie Deutschland. Wo ist denn das dreimal so hohe selbst erarbeitete Vermögen der Griechen? (ich meine jetzt nicht die auf schweizer und sonstigen Nummerkonten liegenden abgegriffenen Transfergelder)? Oder liegt es einfach daran, dass man nach Griechenland selbst mit einem vielfachen an Transferzahlung immer nur einen korrupten Staat mit vielen aufgehaltenen Händen finanziert hat, aber niemals Investitionen?

    Griechenland braucht keinen Marshallplan, den hat es bereits zehnfach verpulvert (es gab ja seit EG/EU-Beitritt bereits in 12-stellige Eurobeträge gehenden Zahlungen). Griechenland braucht Strukturreformen, und zwar gewaltige. Dass die darauf keine Lust haben, solange das Geld auch so fließt und etwa ein Drittel des Volkes und die Elite sowieso direkt von dem Geldstrom profitiert, ist kein Wunder.

  • Das sollten Sie den Eltern in Griechenland erzählen.Den Eltern, die ihre Kinder abgeben mussten und abgeben werden, weil sie sie nicht mehr ernähren können. Dieselben Eltern die bis vor ein paar Monaten noch Arbeit und ein Dach über dem Kopf hatten. Die Eltern, die zu tausenden auf die Strassen gehen und friedlich demonstrieren, weil sie nichts mehr zu essen haben. Machen Sie sich die Mühe und versuchen Sie herauszufinden wohin die Milliarden fließen. Eins kann man mit Sicherheit sagen. Nicht an diese Eltern und nicht in Projekte, die wieder Arbeitsplätze für sie schaffen könnten.

  • Die politisch tendenziöse Haltung von Ruth Berschens ist hinlänglich bekannt.

    Die Griechen als gemeines Volk mögen diese Kriese nicht verdient haben, haben aber das Rettungspaket nicht "verdient", und daß das für Deutschland ökonimisch sinnvoll ist, bleibt unbewiesen bis höchst unwahrscheinlich!

    Das ist das gleiche politische Lamento, das die Griechen mit ihrem herbeigeschwätzten Eurobeitritt in die Krise geführt hat.

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