Kommentar
Kein Grund zur Sorge

Zur Inflation erklärt die Bundesbank nur das Selbstverständliche: Im Boomland Deutschland werden die Preise voraussichtlich steigen, während im Süden die Inflationsraten sinken.
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Kaum sagt ein Bundesbanker, dass er für Deutschland eine höhere Inflationsrate erwarte als im Durchschnitt der Euro-Zone, schlägt die Inflationsangst der Deutschen hohe Wellen. Ganz so, als habe die Hyperinflation erst gestern stattgefunden und nicht vor 90 Jahren.

Dabei ist das, was ein Bundesbankvolkswirt unter Erwähnung des I-Wortes im Bundestagsfinanzausschuss jetzt auszusprechen wagte, keinesfalls ein Schwenk der Gralshüter deutscher Währungsstabilität hin zum Gelddrucken, sondern die schlichte Beschreibung der ökonomischen Wirklichkeit in Europa: Im Boomland Deutschland werden die Preise in diesem Jahr voraussichtlich stärker steigen als anderswo in der Euro-Zone. Denn dort herrscht Rezession, und die Inflationsraten im Süden werden sinken.

In Deutschland führen die stabile Konjunktur und die hohe Beschäftigtenzahl jetzt erstmals seit Jahren zu größeren Lohnsteigerungen. Wenn viele Menschen mehr kaufen können, steigen tendenziell die Preise. Es ist die Aufgabe der Europäischen Zentralbank, die Inflation nicht über zwei Prozent steigen zu lassen, ohne ihr mit höheren Zinsen entgegenzutreten. Sie wird dies auch tun - allerdings mit Blick auf alle Euro-Länder.

Gäbe es in Deutschland die D-Mark und nur die Bundesbank, würde diese die Zinsen vermutlich früher anheben, als dies die EZB mit Blick auf das europäische Ganze wohl tun wird. Zur Panik besteht deshalb jedoch kein Anlass. Anders als es mancher britische oder US-Ökonom nun unterstellt, redet auch in der EZB niemand über Inflationsraten von vier bis fünf Prozent, die man in Deutschland nun dulden sollte. Der Anker des Inflationsziels von zwei Prozent lässt dies angesichts des großen Anteils Deutschlands an der Wirtschaftskraft der Euro-Zone gar nicht zu. Höhere Inflationsraten in Deutschland als im Durchschnitt der Euro-Zone bedeuten im Klartext wahrscheinlich eine Zeit lang eine Preissteigerungsrate zwischen 2,5 und drei Prozent. Zu D-Mark-Zeiten war der Preisauftrieb sehr oft stärker.

Die Erkenntnis, die von Inflationsangst geplagte Deutsche aus dieser Entwicklung ziehen sollten, lautet: Es ist auch für Deutschland besser, wenn in Südeuropa möglichst schnell wieder Wachstum zurückkehrt und sich die Euro-Zone wirtschaftlich gleichmäßiger entwickelt. Erst dann kann die EZB-Geldpolitik für alle zu jedem Zeitpunkt passend sein.


Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
Handelsblatt / Korrespondentin

Kommentare zu " Kommentar: Kein Grund zur Sorge"

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  • Kein Grund zur Sorge? Solche Beschwichtigungsversuche machen jeden skeptischen Menschen sofort sehr misstrauisch.
    Herr Malte Fischer aus WiWo scheint das übrigens auch anders zu sehen: http://www.wiwo.de/politik/konjunktur/euro-rettung-inflation-auf-dem-vormarsch/6622868.html

    Der Verfassungsgericht hat übrigens den Ausstieg aus dem Euro zur Bedingung gemacht, wenn er nicht mehr stabil ist. Aber der Euro ist Staatsdoktrin, da sind kleinere Kollateralschäden wie wirtschaftliche Verwüstung in Europa einkalkuliert.

  • Liebe Frau Riedel: Die Inflation steigt, weil die EZB die europäische Geldmenge überproportional zum europäischen BIP-Zuwachs erhöht. Und sie steigt vorgängig in Deutschland, weil "der Blinde unter den Einäugigen König ist", d.h.: Weil die Geldströme der PIIGS und der Bankster insbesondere in deutsche Anleihen fliesst. Da die EZB aber nur über EINEN Zinssatz für ganz Europa verfügt, wird dies die "Deutschland-Bubble" ungebremst (!) aufblähen, d.h.: Die echte Inflationsrate, die jetzt schon bei ca. knapp 5% liegt, wird innert 12 Monaten locker die 7%-Schwelle reissen -wer soll dies denn bitte schön stoppen?
    -Von wegen "kein Grund zur Sorge"!

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