Kommentar
Kinderlose am Pranger

Sind Kinderlose eine besonders üble Spezies von Sozialschmarotzern, die dieses Land aus rein hedonistischen Motiven in die demographische Katastrophe steuern?

Sind Kinderlose eine besonders üble Spezies von Sozialschmarotzern, die dieses Land aus rein hedonistischen Motiven in die demographische Katastrophe steuern? Noch hat kein Politiker diesen Vorwurf öffentlich erhoben. Doch was derzeit an politischen Vorschlägen zur kinderfreundlichen Reform unseres Steuer- und Sozialsystems auf den Tisch kommt, atmet den Geist, aus dem solche Diskriminierung sich nährt.

Wer der Aufforderung des alttestamentarischen Gottes „Seid fruchtbar und mehret euch!“ nicht nachkommt, soll nach den verschiedenen Reformplänen mehr Steuern und höhere Pflegebeiträge zahlen und weniger Rente bekommen. Käme es so, würde eine gigantische Umverteilung von kinderlosen Paaren und Singles zu Kindererziehenden in Gang gesetzt. Der heutige Familienlastenausgleich würde massiv – und vor allem völlig unsystematisch – aufgebläht.

Der in solchen Überlegungen steckende Vorwurf gegen die Kinderlosen ist ungerecht. 15 bis 25 % der Paare bleiben unfreiwillig kinderlos. Dass ein Drittel der heute 35-Jährigen auf Kinder verzichtet hat, ist eine unmittelbare Folge der Leistungsgesellschaft. So sind es vor allem Akademikerinnen, die dem Erfolg im Beruf Vorfahrt geben. Sie tragen wie die Singles während ihres Arbeitslebens zur hohen Produktivität der Volkswirtschaft bei und zahlen Höchstbeiträge an die öffentlichen Haushalte und die Sozialversicherung. Der internationale Vergleich zeigt: Eine niedrige demographische Reproduktivität ist in allen Industrieländern der Preis für hohe ökonomische Produktivität.

Wer an diesem Zusammenhang etwas ändern will, muss an den Ursachen ansetzen, statt Kinderlose mit Strafabgaben zu drangsalieren. Unter diesen rangiert die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf an erster Stelle. Notwendig sind daher Investitionen in Ganztagsschulen und ganztägige Kinderbetreuung. Unser marodes Ausbildungssystem muss auf Vordermann gebracht werden, um den hohen Leistungsstand unserer Wirtschaft auch mit weniger Nachkommen zu sichern. Wenn danach Geld übrig bliebe, sollte es in ein familiengerechteres Steuersystem gesteckt werden. Dadurch würde Paaren die Verwirklichung des Kinderwunsches erleichtert. Dagegen dürften 100 Euro Kinderrente in 30 oder 40 Jahren, wie sie die CSU jetzt ausgelobt hat, keine Frau dazu bewegen, sich fürs Kinderkriegen zu entscheiden.

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