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Munich Re braucht die Ergo nicht

Der Rückversicherer Munich Re hat das Katastrophenjahr 2011 besser als erwartet beendet. Aktionäre dürfen sich über eine satte Dividende freuen. In der Erstversicherung lassen die Zahlen dagegen zu wünschen übrig.
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Mit Erstversicherern wie Allianz, Axa oder Generali lassen sich hervorragende Geschäfte machen – selbst in einem Jahr, in dem es ungewöhnlich viele Naturkatastrophen gab. Das zeigt mal wieder die Bilanz des Rückversicherers Munich Re. Dessen Spezialität ist es, die großen Risiken dieser Welt auch dann abzusichern, wenn es Allianz & Co zu heiß wird. An Atomkraftwerke trauen sich die Münchner zwar nicht richtig ran. Doch wenn es um die Begleichung der Schäden aus Erdbeben, Überschwemmungen oder Wirbelstürme geht, ist der Versicherer der Versicherer regelmäßig an führender Stelle mit im Boot.

2011 war dennoch kein schönes Jahr. Zwar stiegen die Einnahmen um neun Prozent. Doch die zahlreichen Naturkatastrophen des vergangenen Jahres führten dazu, dass der Gewinn um mehr als zwei Drittel eingebrochen ist: von 2,4 Milliarden Euro auf nur noch gut 700 Millionen Euro. Die zweite Ursache für das recht schlechte Ergebnis sind die Kapitalanlagen. Hier erwirtschaftete der Konzern 1,8 Milliarden Euro weniger als im Vorjahr, das ist ein Minus von über einem Fünftel.

In diesem Jahr wird der Gewinn jedoch wohl wieder deutlich höher ausfallen. Wie die Kapitalmärkte sich entwickeln und damit die Anlagechancen des Versicherers, ist dabei sicher schwer abzuschätzen. Doch zumindest im Kerngeschäft, der Übernahme von Versicherungsrisiken, dürfte es in diesem Jahr wieder besser laufen. Und zwar aus zwei Gründen: So viele große Naturkatastrophen wie 2011 gibt es selten auf einmal. Und selbst wenn, so haben solche Ereignisse für einen Rückversicherer auch immer eine positive Seite. Die Preise für Versicherungsschutz steigen. Und damit bessern sich auch die Gewinnaussichten – jedenfalls im Firmenkundengeschäft mit anderen Versicherern. 

Munich Re ist jedoch kein reiner Rückversicherer, wie etwa der Konkurrent Hannover Rück. Zum Konzern gehört auch der ungeliebte Erstversicherer Ergo, der im vergangenen Jahr durch zahlreiche Pannen und Skandale extrem negativ aufgefallen ist. In München würden sie sich an dieser Front bestimmt mehr Ruhe wünschen, doch davon ist nicht auszugehen. Mindestens einmal, und zwar auf der Hauptversammlung Ende April, dürften Ergo und sein umstrittener Strukturvertrieb HMI noch mal ein großes Thema werden. Darauf bereiten sich kritische Aktionäre schon vor.

Die heute vorgelegten Zahlen der Ergo sind zudem nicht so gut, dass sich das Management entspannt zurücklegen könnte. In schlechten Zeiten für die Rückversicherung sollte eigentlich die Erstversicherung um so besser abschneiden. Doch Ergo verdiente im vierten Quartal nicht einmal 100 Millionen Euro, wie sich aus den konsolidierten Zahlen ergibt. In Deutschland musste zudem insbesondere die wegen ihrer Profitabilität so geschätzte Sparte Schaden- und Unfallversicherung Federn lassen. Deren Schaden- und Kostenquote erhöhte sich deutlich von knapp 90 Prozent auf mehr als 93 Prozent.

Dies bedeutet: Eine Ertragsquelle des Vorjahres schwächelte in einem Jahr, in dem der Erstversicherer Ergo eigentlich den Einbruch in der Rückversicherung ausgleichen sollte. Im Ausland ist Ergo hier ohnehin in den roten Zahlen. Wenn man noch bedenkt, dass die Sparte Lebensversicherung im Branchenvergleich nicht gerade Spitze ist und der Krankenversicherer DKV sich gerade mit Billigtarifen verhoben hat, dann stellt sich die Frage: Wo sollen die großen Gewinne der Ergo eigentlich künftig herkommen? Die Frage stellt sich um so drängender, da HMI ja künftig unter dem neuen Logo „Ergo Pro“ erwachsener werden soll. Was gemeinhin im Vertrieb von Finanzprodukten bedeutet: Nicht mehr so viele schnelle Geschäfte, sondern mehr gute Beratung. Ob das wirklich jedem Ergo-Vermittler schmeckt?

Einen Strukturvertrieb wie HMI grundlegend zu reformieren, ist eine Herkules-Aufgabe. Das wird sicher nicht von heute auf morgen gelingen. Möglicherweise wird das Management auf Jahre hinaus herumdoktern. Auch den Imageschaden durch Budapest & Co wird Ergo nicht so schnell loswerden. In jedem Fall wird es wohl viel Geld kosten, um den Versicherer wieder voll handlungsfähig zu machen.

Ergo könnte für Munich Re also auf Jahre hinaus ein Klotz am Bein sein. Die Münchner Konzernstrategen sollten daher endlich öffentlich eingestehen, was sie schon seit Jahren wissen: Der Rückversicherer Munich Re braucht seine Tochter Ergo eigentlich gar nicht. Besser für die Entwicklung des Konzerns dürfte es wohl sein, das Privatkundengeschäft der Ergo-Gruppe so schnell wie möglich zum Verkauf zu stellen und sich künftig auf das Firmenkundengeschäft mit anderen Versicherern zu konzentrieren. Das tun andere Rückversicherer ja auch, und das sehr erfolgreich.

Auch wenn sich die Aktionäre nicht über die Skandale bei der Ergo freuen können, die Dividende wird in jedem Fall wieder üppig ausfallen. Insgesamt schüttet der Konzern 1,1 Milliarden Euro aus – 400 Millionen Euro mehr als netto in 2011 verdient wurde. Damit sendet die Gruppe ein Zeichen der Stärke.

An der Börse ist das jedoch noch nicht richtig angekommen. Zwar ist der Kurs wieder über 100 Euro gestiegen, doch er liegt noch rund 20 Prozent unter den Höchstkursen des Vorjahres. Wie vorsichtig die Börse den weltweit größten Rückversicherer tatsächlich bewertet, zeigt zudem das Verhältnis von Börsenwert zu Eigenkapital. Gut 18 Milliarden Euro sind die Aktien der Munich Re an der Börse werden. Dagegen steht als Gegenwert ein Eigenkapital von 23,3 Milliarden Euro, das der Konzern heute nannte.

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