Kommentar
Platzecks schweres Erbe

Ein erfrischend unverbrauchter Matthias Platzeck an der Spitze, die überambitionierte Parteilinke Nahles ruhig gestellt, die notorische „rote Heidi“ entmachtet und ansonsten sieben pragmatische Minister am Kabinettstisch: Wer die vergangenen Tage im Urlaub die Herbstsonne genossen und keine Nachrichten verfolgt hat, der könnte glauben, die SPD sei vor der Regierungsbildung bestens aufgestellt.

Wäre der Agenda-Kanzler Schröder noch am Ruder, hätte er das Personaltableau kaum anders zusammengefügt.

Doch Schröder steht, weil ihm die eigenen Truppen nicht mehr folgten, am Ende seiner Amtszeit. Sein Weggefährte Franz Müntefering liegt nach einer doppelt kopflosen Revolte am Boden: Nicht nur erweist sich der Putsch des Vorstands als unfassbar naiv und selbstzerstörerisch. Rückblickend will auch niemand die Verantwortung übernehmen. Das letzte Machtzentrum der Sozialdemokratie, so die befremdliche Erklärung, sei einem „Unfall“ zum Opfer gefallen.

Tatsächlich hatten die Sandkastenstrategen der mittleren Funktionärsebene ein klares politisches Ziel: Sie wollen die Partei von der Regierung abkoppeln. Nach wie vor sträuben sich große Teile der SPD gegen eine von den Wählern längst akzeptierte Reformpolitik. Die Programmdebatte scheint auf den Sankt-Nimmerleins-Tag vertagt. In die große Koalition stolpert die Partei lustlos hinein. Viele Genossen träumen, man könne mit der Basis für 2009 auf eine „linke“ Mehrheit hinarbeiten, während sich die eigenen Minister am schwarz-roten Kabinettstisch abrackern.

Dieser fatale Dualismus der SPD wird Platzeck schon bald das Leben schwer machen. Als Ministerpräsident hat er ordentliche Arbeit geleistet. Sein Eintreten für die Agenda 2010 im brandenburgischen Landtagswahlkampf 2004 verdient Respekt. Doch bundespolitisch ist der 51-Jährige ein unbeschriebenes Blatt. Noch wirkt dies wie eine Chance: Alle Flügel der in Schockstarre versunkenen SPD können sich um den Hoffnungsträger scharen. Doch bald schon werden die widersprüchlichen Erwartungen ihren Tribut fordern. Münteferings Schicksal sollte Platzeck eine Mahnung sein.

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