Kommentar
Pontifex politicus

Solche Momente gibt es in einer Zeit austauschbarer Köpfe nur noch sehr selten: Der Tod von Papst Johannes Paul II., war er auch noch so vorhersehbar, hat die politische Welt für einen Wimpernschlag stillstehen lassen. Denn sie musste sich des Verlustes einer ihrer prägendsten Persönlichkeiten gewahr werden.

Mit diesem Papst verliert die katholische Kirche nicht nur einen außerordentlichen Pontifex, sondern die Welt einen markanten und erfolgreichen, am Ende nur noch wenig umstrittenen Homo politicus. Es war sein Charisma, sein Glaube an die reine Lehre bis hin zur Sturheit, sein gewandter Umgang mit den Medien, die ihn aus der Masse seiner Vorgänger, aber vor allem aus der Reihe der politischen Führer hervorhob.

Seine Rolle beim Zusammenbruch der totalitären Ostblockregime ist oft beschrieben, selten in ihrer ganzen historischen Dimension gewürdigt worden. Die Wahl eines Polen zum Papst sollte ein Fanal sein. Karol Wojtyla wich dieser Herausforderung nicht aus. Er wich auch nicht einem entschiedenen, zornigen Nein zu George W. Bushs Irak-Krieg aus. Er wich nicht der historischen Schuld der katholischen Kirche aus, benannte sie und trieb die Versöhnung mit den anderen Weltreligionen voran.

Der Papst hat die katholische Kirche durch seine Präsenz und Meinungsstärke in das Zentrum der politischen und gesellschaftlichen Diskussion gestellt, er hat ihr aber durch seine Starrheit auch Wunden geschlagen. Seine Äußerungen zur Bevölkerungspolitik, zu Geburtenkontrolle und Sexualität haben dem Katholizismus überall, insbesondere aber in Afrika, nachhaltig geschadet.

Papst Johannes Paul II. hat Unpopularität in Kauf genommen: Er wollte nicht weichen und wackeln in einer wankelmütigen Welt. Er geißelte gleichermaßen den postkommunistischen Materialismus im Osten wie die Auswüchse westlicher Freizügigkeit. Er ließ niemanden aus der Verantwortung, am wenigsten sich selbst. Er wich zum Ende seines Pontifikats nicht dem sichtlichen Verfall aus, er versöhnte durch seinen offenen Umgang mit dem Leiden sogar seine ärgsten Kritiker. Dieser Pontifex führte und gestaltete. Die Welt der standhaften Gestalter ist ohne ihn ärmer geworden.

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