Kommentar
Ratlos in Washington

Mit seiner Rede zum Irak-Einsatz hat sich US-Präsident George W. Bush lediglich eine innenpolitische Atempause verschafft. Der nachdenkliche Ton war auf die wachsenden Vorbehalte der Amerikaner angesichts der nicht endenden Gewalt abgestimmt. Wirklich entkräften konnte der Präsident die Skepsis aber nicht.

Bush zehrt von seinem Bonus als Antiterror-Präsident. Sein zentrales Argument lautet, der Irak sei zu einem Tummelplatz für den internationalen Terrorismus geworden, weil dort ein Krieg zwischen Freiheit und Tyrannei geführt werde. Man müsse am Golf in die Offensive gehen, um neue Gefahren in der Heimat abzuwenden. Mehrfach spielte Bush auf die Anschläge vom 11. September 2001 an.

Die Amerikaner sind dieser Logik bislang gefolgt, aber sie tun es mit wachsendem Unwillen. Eine Mehrheit hält die Irak-Invasion für einen Fehler. Doch nur eine Minderheit macht sich für einen schnellen Rückzug der US-Truppen stark – aus Angst, dass das eigene Land wieder zur Zielscheibe des Terrors werden könnte. Bushs Bedrohungsszenario wirkt also noch.

Der Präsident hat es in der Vergangenheit stets verstanden, den 11. September als innenpolitische Trumpfkarte einzusetzen. Den Republikanern bescherte er bei den Kongresswahlen 2002 einen grandiosen Sieg. Und nicht zu-letzt sicherte er sich durch einen strammen Antiterrorkurs die Wiederwahl.

Doch Bushs taktische Stärke kann nicht mehr über seine strategischen Schwächen hinwegtäuschen. Seine Rede in Fort Bragg hat erneut deutlich gemacht, dass die Regierung kein schlüssiges Konzept für die Beendigung des Terrors im Irak hat. Dies erklärt auch die beispiellose Kakofonie ihrer maßgeblichen Vertreter: Während Vizepräsident Dick Cheney vollmundig ankündigt, dass der Aufstand „in seinen letzten Zügen“ liege, spricht Verteidigungsminister Donald Rumsfeld von bis zu zwölf Jahren weiterem Kampf. Mit Durchhalteparolen lassen sich derartige Widersprüche nicht aus der Welt schaffen. Bush fordert Geduld von seinen Landsleuten – doch gerade die geht ihnen aus.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%