Kommentar
Reuters: Endspiel-Logik

Mäßig oder gar nicht wachsende Unternehmen mit relativ niedrigen Gewinnmargen in reifen Märkten, deren Aktien innerhalb kurzer Zeit stark gestiegen sind, sind eigentlich das Gegenteil eines Übernahmekandidaten. Und doch trifft es sie jetzt reihenweise.

Allein in Großbritannien haben sich bei dem Baustoffriese Hanson, dem Musikkonzern Emi und jetzt auch noch bei dem Finanzinformationsanbieter Reuters Kaufinteressenten gemeldet. Die Logik ist in allen drei Fällen die gleiche: Die Bieter wollen in einer bereits hoch konsolidierten Branche eine der womöglich letzten großen Kaufgelegenheiten nutzen.

Im Fall von Reuters steht ein Unternehmen zum Verkauf, das seit Jahren um die Rückkehr zu ansehnlichen Wachstumsraten kämpft. Einige Sparprogramme hat der Konzern schon hinter sich, die Produktpalette ist gestrafft und modernisiert und Reuters steht wieder deutlich besser da als vor drei oder vier Jahren. Doch das hat die Börse eben auch schon gemerkt, so dass der Aktienkurs im Jahresvergleich um rund die Hälfte gestiegen ist. Nach Bekanntwerden der Fusionspläne sprang er dann nochmal um gut ein Viertel in die Höhe. Und das, obwohl die Firmensatzung eine feindliche Übernahme ausschließt.

Vor diesem Hintergrund kommen nur wenige Käufer in Frage. Finanzinvestoren dürften unwahrscheinlich sein. Reuters hat zwar den Anteil langfristiger Service-Verträge mit Finanzinstituten gesteigert, so dass die Einnahmen stabiler und zuverlässiger fließen und das Unternehmen eine höhere Verschuldung leichter tragen könnte – aber die Wächter der goldenen Aktie werden alles verhindern, was den langfristigen Bestand des über 150 Jahre alten Konzerns gefährdet. Hauptkonkurrent Bloomberg fällt aus Kartellgründen aus – schon jetzt ist der Markt für Finanzinformationen in weiten Bereichen ein Duopol.

Da kommen neben dem von den Märkten als wahrscheinlichster Bieter gehandelten kanadischen Wirtschaftsinformationskonzern Thomson Financial vor allem Medienfirmen in Frage, die noch kein vergleichbares Geschäft haben. Wer weiß, vielleicht wäre Reuters ja für Rupert Murdoch ein Plan B, falls er die Aktionärsfamilie von Dow Jones nicht überzeugen kann.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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