Kommentar
Snowden muss sich stellen

Der amerikanische Spion Snowden hält die Welt mit seinen Enthüllungen in Atem. Politiker und Promis fordern Asyl für den Whistleblower. Doch das wäre ein Fehler. Der Mann ist ein Fall für die US-Gerichte.
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Was für eine Story: Ein amerikanischer Spion hält sich nicht an die Regeln und erzählt Journalisten von den Taten seines Arbeitgebers. Er jettet mit einem Stab von Beratern um die Welt, stets im Verborgen, aber stets so öffentlich, dass die Welt zumindest hinterher erfährt, wo er eben war. Er findet Asyl in Russland, dessen Präsident sich die Hände reibt, weil er ausgerechnet denjenigen Staatsfeind Amerikas in seinen Grenzen beherbergen kann, den der Rest der Welt für eine Art Robin Hood hält. Er packt dosiert immer neue Scheibchen seiner Wahrheit aus, die allemal dafür gut sind, diplomatische Hektik auszulösen und das Interesse an ihm wachzuhalten.

Er macht unwidersprochen öffentlich, dass US-Spione sogar das Handy der deutschen Kanzlerin abgehört haben. Sein Wissensschatz dient ihm als Rückversicherung: Falls die Amerikaner ihn schnappen, soll noch mehr ans Licht kommen. Ein deutscher Abgeordneter besucht ihn an seinem geheimen Asylort. Neue Erkenntnisse bringt der Besuch nicht, aber er taucht zur Freude des Besuchers alle Beteiligten ins Scheinwerferlicht der internationalen Medien.

John le Carré, der begnadete Erfinder von Agententhrillern der Bestsellergattung, könnte dieses Drehbuch geschrieben haben. Aber während ein Autor meistens schon vor dem Schreiben eines Buches weiß, wie es ausgeht, tappen im Fall Snowden alle im Dunkeln: die Amerikaner, denen die Enthüllungen des unscheinbaren Herrn Snowden, den sie niemals als ihren Topspion eingestuft haben, langsam unheimlich werden. Dem Rest der Welt im allgemeinen, der nicht weiß, ob er als Betroffener protestieren soll oder sich über die Peinlichkeiten der Amerikaner insgeheim ins Fäustchen lachen soll, oder am besten schweigt, weil er beim gegenseitigen Ausspionieren beteiligt war. Uns Deutschen im Besonderen, die wir uns als die besonders Betroffenen wähnen können, seit wir ahnen, dass eben auch Angela Merkel zu den Opfern eines durchgeknallten US-Geheimdienstes zählt.

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Nur das Gesetz hilft als Leitfaden

Kommentare zu " Kommentar: Snowden muss sich stellen"

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  • Nicht nur Daten sind käuflich!

    Kürzlich lasen wir, dass die NSA Daten von kooperationswilligen Unternehmen in großem Umfang auch einfach kauft, das gleiche gilt für die anderen US-Geheimdienste. Nun, ist das grundsätzlich neu? Nein, nur der Umfang und die Systematik ist neu.

    Allerdings darf man angesichts der Affäre um die NSA und ihre Partner nicht annehmen, dass diese Geheimdienste nur passiv agieren, nur passiv Daten analysieren. Natürlich werden auch weiterhin Menschen und (journalistische und politische) Meinungen gekauft und abgenötigt. Manche mögen sich sogar selber anbiedern, weil sie sich an der Seite tatsächlich oder vermeintlich Mächtiger Vorteile für ihre eigene Karriere erhoffen. Das hat eine lange Tradition. Man kennt den „informellen Mitarbeiter“ aus Gesinnung und Erpressung auch aus Stasi-Zeiten, mit und ohne Verpflichtungserklärung.

    Warum dieser Hinweis an dieser Stelle? Nun, manchmal wird das sehr kenntlich.

    Unter diesem Gesichtspunkt auch erkenntnisreich: Die Sendung „Beckmann“ vom 07.11.2013.

  • Stock als Journalisten zu bezeichnen? Es ist einer der Aparatschicks des Systems und in seinem Falle nicht mal jemand der unter Druck so einen Mist schreibt, sondern, so vermute ich, in vorauseilendem gehorsam! Pfuiteufel Journalismus kann ich da nur sagen!

  • Herr Stock, Sie sind ein vorbildlicher Deutscher.
    Alle Schweinereien sind erlaubt und geschützt, wenn es nur dafür ein Gesetz gibt. Moral hat in diesem Kontext nichts zu suchen; das Gesetz ersetzt die Moral.
    Es versteht sich von selbst, dass die Nürnberger Prozesse rechtswidrig waren; die Taten der Angeklagten waren von Gesetzen gedeckt.
    Snowden und andere whistleblower sind die moralischen Instanzen unserer Zeit
    Aber das verstehen Sie sicher nicht,Herr Stock

    Gruss Peter Grams

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