Kommentar
So praktisch wie Zauberlehrlings Besen

Politiker sprechen von einem „Währungskrieg“: Die Herabstufung der Bonität mehrerer Euro-Länder führt zu verbalen Attacken auf die Ratingagenturen. Das Gezeter ändert aber nichts am starken Einfluss der Ratings.
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FrankfurtDie meisten europäischen Politiker haben nach dem historischen Rundumschlag der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) am Freitagabend das erste Gebot bei Gefahr eingehalten: Ruhe bewahren. Doch es gab auch andere Stimmen, nachdem die US-Agentur ihre Drohung von Anfang Dezember wahrgemacht und wegen der ungelösten Probleme im Euro-Raum die Bonität von neun der 17 Mitglieder der Währungsunion herabgestuft hatte. Zudem gestand sie nur noch Deutschland und der Slowakei einen stabilen Ausblick zu.

Von einem „Währungskrieg“ sprach beispielsweise der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler sagte, der Euro werde attackiert, und Außenminister Guido Westerwelle kündigte EU-Gespräche über die Gründung einer europäischen Ratingagentur an - die übrigens schon lange geführt werden.

Dabei haben die Politiker mit ihrer grundsätzlichen Kritik recht: Seit fast zwei Jahren überbieten sich die großen Ratingagenturen S&P, Moody's und Fitch förmlich darin, die Bonität der Euro-Krisenländer herabzustufen. Sie reagieren damit auch auf die stetig höheren Zinsen, die Krisenländer wie Griechenland, Irland, Portugal und seit längerem auch die großen Volkswirtschaften Spanien und Italien und sogar Frankreich für ihre Anleihen zahlen müssen. Die schlechteren Ratings werden aber zumindest tendenziell die Investoren noch nervöser machen. Denn jeder weiß, dass die Agenturen der Einschätzung der Märkte hinterherlaufen. Von daher fürchten die Investoren, dass die nächste Herabstufung nicht lange auf sich warten lässt, und verlangen im Zweifelsfall erneut höhere Zinsen als Risikoentschädigung.

Doch wird dieser Teufelskreis durch das Gezetere über die Macht der Ratingagenturen durchbrochen? Nein. Würde eine europäische Ratingagentur alles besser machen? Auch nicht. Das Problem ist vielmehr, dass die Agenturen allzu wichtig geworden sind. Diese Macht haben ihnen Politiker, Aufsichtsbehörden und Investoren selbst zugebilligt: Banken dürfen die Ratings verwenden, um die Vorgaben zur Eigenkapitalunterlegung zu berechnen, Versicherer dürfen Anleihen in großem Stil nur kaufen, wenn sie bestimmte Ratings haben, und auch bei der Auflage vieler Publikumsfonds sind Ratings eine Grundlage.

Der Grund für diese Ermächtigung ist Bequemlichkeit. Ratings sind so praktisch und übernehmen wie der Besen in Goethes Ballade vom Zauberlehrling die Arbeit des Knechts: Statt Daten und Zusammenhänge selbst zu analysieren, schaut man auf das in ein paar Buchstaben zusammengefasste Urteil der Agenturen.

Deshalb ist der bislang nur sehr vage kolportierte Vorstoß von Bundeskanzlerin Angela Merkel richtig, den Einfluss der Ratings durch Bereinigung der Gesetze zu verkleinern: Idealerweise sollten Ratings den Finanzdienstleistern in der Regulierung nicht vorgeschrieben werden. Anders werden wir die von uns gerufenen Geister, die mächtig und selbstständig geworden sind, nicht mehr los. Sie könnten noch viel Unheil stiften.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin

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  • Zitat denk.mal: "Ist die Fähigkeit der Eurozone, zusätzliche Steuern einzutreiben, vergleichbar mit derjenigen der USA? - Nein."

    Sie argumentieren, dass ein Land die Steuern erhöhen KÖNNTE? Ich frage mich, warum die USA es dann nicht TUN. Wahrscheinlich würde jeder Präsident die Macht verlieren, wenn er es TÄTE. Also KANN er vielleicht doch nicht so, wie er SOLLTE.

    Bleiben wir lieber bei den realen Zahlen. Die USA finanzieren ihr Staatsdefizit genauso wie Deutschland den ersten Weltkrieg finanziert hat, erst über Staatsanleihen und dann über die Notenbank. Der Vorteil der USA liegt darin, dass sie aufgrund ihrer wirtschaftlichen Größe ein größeres Erpressungspotential gegenüber China und den anderen Gläubigern besitzen. Dazu kommt noch die militärische Macht.

    Wahrscheinlich werden die USA ein wesentlich höheres Schuldenniveau als andere Schuldner stemmen können, bis das "Vertrauen" in die Finanzierung angeknackst wird. Die Zweifel wachsen aber jetzt schon.

  • Wie groß schätzt der Autor, die Kommentatoren, das HB den Einfluss ein, dass die Privatunternehmen S&P und Moodys und Fitch in Dollar bezahlen und bezahlt werden? Gibt es da nicht automatisch einen gewissen, wenn auch kleinen, Selbstschutz? Klar, die RA schiessen sich ins eigene Bein, wenn sie schlechte, unfreie Ratings abgeben... aber genausogut können sie auch kein großes Interesse haben durch schlechte Ratings ins eigene Bein zu schneiden.

  • Es wird immer deutlicher, dass die US finanshus Standard & Poor 's Downgrade von Euro-Ländern und jetzt nur aufgrund der Versuch, den Unterschied in der Höhe von USD und Euro wieder hereinholen EFSF.

    Es kann nicht richtig sein, dass sie erlaubt sein sollte, werden!

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