Kommentar
Takka-Tukka-Land

20 Jahre wurde an Deutschlands neuem Hauptstadtflughafen geplant. Am Ende reichte auch diese Zeit nicht. Die abgeblasene Eröffnung ist ein Indiz dafür, dass Kommunen und Länder Großprojekte nicht mehr stemmen können.
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Was hat die Verantwortlichen eigentlich geritten? Da merkt die Flughafen-Verwaltung wenige Wochen vor der Eröffnung des deutschen Prestigeobjekts "neuer Hauptstadtflughafen", dass möglicherweise zu wenig Abfertigungsschalter geplant sind und den Passagieren lange Wartezeiten drohen. Da erklärt ein Brandschutzbeauftragter wenige Tage vor der Eröffnung, dass er Sicherheitsbedenken hat. Die Hauptstadt-Planer benehmen sich, als seien sie in Takka-Tukka-Land. Seit mehr als 20 Jahren planen sie - und dann reißen sie den Eröffnungstermin.

Es gibt Fragen, aber es gibt keine Antworten. Warum hat die Betreibergesellschaft die Politik nicht frühzeitig über Verzögerungen informiert? Es ist schlichtweg peinlich und in der Außenwirkung absolut desaströs, dass die Länderchefs von Berlin und Brandenburg von der Entwicklung angeblich überrascht wurden. Selbst nach dem Eingeständnis, dass der Eröffnungstermin nicht mehr zu halten ist, herrscht noch Unklarheit darüber, wie es weiter gehen soll. Als nächster Termin ist jetzt von "irgendwann ab August" die Rede. Planungssicherheit sieht anders aus.

Für den Standort Deutschland ist das ein Gau. Immerhin soll der Airport mit 20.000 Arbeitsplätzen - und damit 3000 mehr als bisher in Schönefeld und Tegel zusammen - zur größten Arbeitsstätte Ostdeutschlands werden. Von der „Boom-Town“ Schönefeld wurde bereits vollmundig gesprochen. Jetzt bröckelt bereits die Hoffnung, dass dieses Drei-Milliarden-Projekt noch ein großer Wurf werden wird.

Abgesehen davon, dass die Wirtschaft hierzulande schon jetzt einen erheblichen Imageschaden wegen der Verzögerung befürchtet, wird am Ende irgendjemand die Kosten der Verschiebung tragen. Bei einem Verkehrsinfrastrukturprojekt dieser Größe sind im Grunde alle betroffen – nicht nur die Bürger, sondern auch viele Unternehmen. Alle haben sich bereits auf den 3. Juni eingestellt. Insbesondere für Hotels und andere Dienstleistungsbetriebe könnte der wirtschaftliche Schaden beträchtlich sein.

Die wirtschaftliche Dimension wiegt umso schwerer, als der Flughafenchef Rainer Schwarz nicht einmal glaubhaft versichern kann, dass die anderen Berliner Flughäfen das Schönefeld-Geschäft problemlos übernehmen können. Er hoffe, sagte Schwarz lediglich, dass das am neuen Flughafen erwartete Verkehrswachstum zunächst von Tegel und dem alten Schönefelder Airport bewältigt werden könne. Gewissheit klingt anders.

Feste Zusagen sind sowieso nicht das Metier der Flughafen-Verantwortlichen. Sie trauen sich selbst und ihrem Projekt nicht über den Weg, wie die ursprünglichen Planungen für den Eröffnungsevent zeigen. Um peinlichen Pannen in Anwesenheit der Politprominenz zu vermeiden, war die Eröffnungsfeier von der eigentlichen Inbetriebnahme getrennt worden. Die Kanzlerin, der Bahnchef sowie die Länderchefs von Brandenburg und Berlin, Matthias Platzeck und Klaus Wowereit, sollten daher schon am 24. Mai nach Schönefeld kommen und gemeinsam mit 40.000 Gästen Deutschlands neues Leuchtturmprojekt feiern. Doch keiner der Beteiligten wollte riskieren, dass plötzlich das komplette Chaos ausbricht. Zu Recht, wie die aktuelle Entwicklung zeigt.

Dietmar Neuerer
Dietmar Neuerer
Handelsblatt / Reporter Politik

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  • Viel dramatischer als diese Verzögerung ist doch, dass es in Deutschland kein vernünftiges Konzept für den gesamten Flugbetrieb und für lärmreduzierende Maßnahmen gibt. Hier wäre die Bundesregierung, Herr Ramsauer gefragt. Aber er überlässt das der BAF und DFS, die in einer unheilvollen Koaltion von Privatwirtschaft und Bundesbehörde "Klein-Klein-Routenplanung" an jedem Flughafen betreiben und bei dem der Lärmschutz kaum eine Rolle spielt. In Frankfurt kann man dies am Beispiel der sogenannten "Südumfliegung bewundern, ein ökonomischer und ökologischer Irrsinn, der von der Gewerkschaft der Deutschen Fluglotsen auch noch als unsicher beschrieben wird.

  • Stimmt. Wenn jemand schon einmal an Projekte dieser Größenordnung mit gewirkt hat, weiß was da abläuft, und wie das abläuft.
    Die anderen Schnacker finde ich als Publizisten wieder.

  • Der ganze Flughafen ist auf Unglück gebaut. Allein der Standort schon, 20 x Verschoben etc. - jetzt fehlt nur noch ein richtiger Absturz.

    Betrogene Betrüger.Man kann dem Flughafen und dieser Champagnergesellschaft nur das wünschen, was sie gerade bekommen haben und die Anwohner bekommen werden. Herzinfarkte und persönliche Pannen bis zum Abwinken. "Er eröffnet pünktlich"- von wegen. Genau mit den gleichen Lügen kommen die Nieten vom Flughafen BER und verweigern ALLEN den Lärmschutz hier!

    Wir spucken auf den Flughafen BER, der nicht Willy-Brandt, sondern "Münchhausen" genannt werden sollte.
    Fam. Wegner, Mahlow.

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