Kommentar
Überfälliger Elitenwechsel

Bei Diskussionen über Lateinamerika ist derzeit ein Wort ganz groß in Mode: „Linksrutsch“. Viele Kommentatoren malen ein bedrohliches Szenario an die Wand, in dem der Hinterhof der USA zunehmend von linken Politikern oder Kokabauern beherrscht und in Richtung Sozialismus getrieben wird.

Sie werfen so unterschiedliche Politiker wie Hugo Chávez in Venezuela, Nestor Kirchner in Argentinien, den Brasilianer Lula da Silva oder Michelle Bachelet in Chile in einen Topf. Ollanta Humala in Peru gilt als der nächste Kandidat, der durch seinen Wahlsieg in Peru die Riege der „Linken“ vervollständigen könnte.

Doch wenn man genau hinschaut, ist die Wirtschaftspolitik der „roten“ Regierungen weder besonders links noch bedrohlich, sondern einfach pragmatisch. Abgesehen von Chávez in Venezuela, fahren die Länder eine konservative Wirtschaftspolitik, allen voran Brasilien und Chile, von deren disziplinierter Haushalts- und Schuldenpolitik sich so manches europäische Land eine Scheibe abschneiden könnte.

Was stattfindet, ist in Wirklichkeit ein längst überfälliger Elitenwechsel. Teils werden Vertreter der großen, verarmten Unterschicht in Amt und Würden gewählt wie der Arbeiterführer Lula in Brasilien oder der Indio-Gewerkschafter Morales in Bolivien. Teils gelangen Vertreter einer Generation an die Macht, deren politisches Bewusstsein sich in der Opposition zu den Militärdiktaturen der 70er-Jahre bildete. Die Chilenin Bachelet ist ein solcher Fall.

Diese neuen Staatsmänner und -frauen sind zum Teil dynamischer und moderner als die alteingesessenen Eliten, die seit Jahrzehnten ihre Pfründen verteidigten, mit nationalistischen Militärdiktaturen genauso paktierten wie mit ausländischen Investoren und dabei meist ihr Eigeninteresse verfolgten. Die jetzt an die Macht Gekommenen stecken allerdings in einem Spannungsfeld zwischen den legitimen Ansprüchen der lange vernachlässigten Unterschicht, die schnelle Verbesserungen erwartet, und den Forderungen der eigenen Wirtschaft, die auf frisches Kapital und politische Stabilität angewiesen ist. Der Rohstoffboom erleichtert es den neuen Regierungen, beide Pole zu vereinen.

Bestand die Wirtschaftspolitik in den 90er-Jahren vor allem aus handelspolitischer Öffnung und Privatisierung, so stehen jetzt Armutsbekämpfung, Einkommensumverteilung sowie die verstärkte Nutzung der eigenen Ressourcen im Vordergrund. Es werden höhere Steuern auf Rohstoffe erhoben und Joint Ventures mit ausländischen Unternehmen gegründet. Man will deren Know-how und Technologien nutzen, ohne wie früher die Rohstoffe praktisch ans Ausland zu verschenken: eine gesunde Entwicklung, die aber Lernprozesse erfordert.

Der aggressive Linkspopulismus von Hugo Chávez im ölreichen Venezuela stößt bei den meisten südamerikanischen Nachbarn zunehmend auf Ablehnung. Man hält ihn sich nur warm, weil seine Petrodollar eine gewisse Sicherheit bieten. Die USA zeigen oft wenig Verständnis für die neuen Realitäten in ihrem Hinterhof. Umso wichtiger, dass deutsche und europäische Regierungen und Unternehmen den neuen Politikern in Südamerika ihre Unterstützung anbieten, damit diese nicht auf Partner wie Chávez angewiesen sind.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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