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Kommentar: Weckruf aus bella Italia

Die bayerische Staatsregierung soll versucht haben, noch in letzter Sekunde einen einheimischen Käufer für die Hypo-Vereinsbank (HVB) zu finden. Ohne Erfolg. Das mag stimmen oder nicht: Es ist gut, dass derartige Interventionsspiele die Übernahme der HVB durch die italienische Unicredito-Gruppe nicht mehr torpedieren können, und dass beide Aufsichtsräte heute in München und Mailand grünes Licht für die größte grenzüberschreitende Bankenfusion in Europa gegeben haben.

Die Regierung Stoiber wäre mit ihrem zweifelhaften Vorstoß ohnehin zehn Jahre zu spät gekommen. Denn Italiens heutiger Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi hat bereits in den neunziger Jahren als Finanzminister die Grundlage für die heutige Fusion geschaffen, indem er die Öffnung des Sparkassensektors trotz heftiger Widerstände durchboxte, die dann zu einer durchgreifenden Modernisierung des italienischen Bankensektors führte. Nur so konnte Unicredito aus Sparkassen und Privatbanken hervorgehen und zu einer schlagkräftigen, international wettbewerbsfähigen Bankengruppe aufsteigen.

Ähnliche Konzentrationsprozesse hat es in Spanien, Frankreich und Großbritannien gegeben. Nur in Deutschland ist alles beim alten geblieben, weil Stoiber und Co. bis heute verbissen jede Flexibilisierung des Dreisäulensystems aus Sparkassen, Privat- und Genossenschaftsbanken verhindern. Deswegen kann die zweitgrößte deutsche Bank heute heilfroh sein, in den starken Armen von Unicredito zu landen. Eine inländische Fusion hätte bei der ertragsschwachen HVB wohl erheblich mehr Jobs gekostet.

Die italienisch-deutsche Bankenehe setzt Topbanker und Politiker in Deutschland unter Handlungsdruck nach dem Motto „Von Italien lernen heißt siegen lernen“. Wenn nicht auch noch Deutsche Bank und Commerzbank von ausländischen Finanzgruppen eingesammelt werden sollen, dann muss rasch etwas passieren. Denkbar wäre etwa eine „Deutsche Commerzbank“ oder eine „Deutsche Postbank“. Dringend sind auch Fusionen unter öffentlich-rechtlichen Landesbanken und an der Spitze des Genossenschaftssektors, wo sich die Frankfurter DZ und die Düsseldorfer WGZ seit Monaten gegenseitig im Weg stehen: Die Zeit des Zauderns muss jetzt endlich vorbei sein. Der Markt und die Eigentümer sollten endlich freie Hand bekommen.

Es darf einfach nicht wahr sein, dass ausgerechnet der Exportweltmeister darauf verzichtet, globale Champions in der Finanzbranche aufzubauen. Es ist höchste Zeit für eine Extraportion Ehrgeiz und Patriotismus!

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
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