Kommentar
Zu früh gefreut

EZB-Präsident Mario Draghi versicherte, das Schlimmste der Krise sei vorbei. Aber die Entwarnung war wohl zu voreilig. Die Euro-Retter wollen die finanzielle Schutzmauer sogar noch erhöhen.
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Mario Draghi ist in Deutschland angekommen. Von der „Bild“-Zeitung ließ sich der italienische EZB-Chef gerade eine preußische Pickelhaube überreichen und versprach dafür artig, mit seiner Geldpolitik den preußischen Stabilitätstugenden zu folgen. Na, dann kann ja nichts mehr schiefgehen. Zumal Draghi noch versichert, das Schlimmste der Krise sei vorüber.

Komisch. Haben nicht bislang alle Notenbanker davor gewarnt, die noch vorhandenen Risiken zu unterschätzen? Und: Wenn wir über den Berg sind, warum muss dann der europäische Rettungsschirm unter Mithilfe Deutschlands auf mehr als 900 Milliarden Euro aufgestockt werden?

Wer wissen will, wo wir in der europäischen Schuldenkrise wirklich stehen, sollte lieber auf Angela Merkel hören. Nach Meinung der Kanzlerin hat Europa den Krisengipfel noch nicht erreicht, und sie befürchtet, dass dahinter noch viele „Krisenberge“ kommen.

Wenn Draghi jetzt Entwarnung ausruft, unterschlägt er, dass die bisherigen Maßnahmen der Euro-Retter „nur“ Zeit gekauft haben. Zeit, in der sich die Krise irgendwie verflüchtigen soll. Denn: Ein überzeugendes Konzept, wie die Währungsunion nachhaltig stabilisiert werden kann, fehlt nach wie vor. Merkel & Co. spekulieren vielmehr darauf, dass die Südeuropäer die auf Rechnung der EZB teuer erkaufte Verschnaufpause dazu nutzen, um ihre Haushalte in Ordnung zu bringen und ihre Wettbewerbfähigkeit zu verbessern. Für Teil eins soll der neue Fiskalpakt sorgen, für Teil zwei gilt das Prinzip Hoffnung.

Dass der Fiskalpakt mehr Zähne hat als der arg durchlöcherte Euro-Stabilitätspakt, glaubt an den Finanzmärkten kaum jemand. Hat doch Spaniens neuer Regierungschef Rajoy gerade auf die strikten Sparvorgaben aus Brüssel zweideutig geantwortet: im Prinzip ja, nur jetzt gerade nicht. Das muss man weniger dem Spanier vorwerfen, sondern den Konstrukteuren eines Regelwerks, das den wirtschaftlich arg geschwächten Schuldenländern einseitig eine Abmagerungskur verordnet. Schäubles Kopfgeburt von der „wachstumsfreundlichen Konsolidierung“ hat bislang nirgendwo Früchte getragen. Deshalb glauben die Märkte auch nicht an eine „Rettung“ Griechenlands und haben die Risikoprämien nach der Umschuldung gleich wieder auf „Pleiteniveau“ getrieben.

Noch wichtiger ist jedoch die Frage, ob die angeschlagenen Euro-Länder jemals so wettbewerbsfähig werden können, dass die Währungsunion nicht dauerhaft in einer Zerreißprobe stecken bleibt. Die vorsichtigen Reformen des Arbeitsmarkts dürften jedenfalls kaum ausreichen, um die Wachstumsraten so weit anzuheben, dass die Statik zwischen Nord und Süd im Euro-Raum wieder stimmt.

Draghis Entwarnung im deutschen Boulevardblatt war voreilig. Deshalb wollen die Euro-Retter die finanzielle Schutzmauer noch erhöhen. Besser wäre es jedoch, sie wüssten, was sie mit der gewonnenen Zeit machen wollen.

Der Autor leitet das Ressort Meinung und Analyse. Sie erreichen ihn unter: riecke@handelsblatt.com

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

Kommentare zu " Kommentar: Zu früh gefreut"

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  • Jeder, gerade auch ein Wirtschaftsjournalist, sollte sich die Frage stellen, ob man Herrn Draghi noch irgendetwas glauben sollte, angesichts der offensichtlichen Unterschiede zwischen Worten und Taten bei diesem ehemaligen Goldman-Sachs-Angestellten.

  • @Dr.NorbertLeineweber
    Nicht ganz!

    Es drängt sich eher der Vergleich zur DDR in deren Endephase als der Vergleich mit südamerikanischen oder afrikanischen Ländern auf.

    Der Unterschied liegt jedoch in der Tat in deren freien Wechselkursen, auf die sie hinweisen. Wenn es hier zu einer Lösung kommt, dann geht das tatsächlich nur über freie Wechselkurse oder fachlich kompetente Führungen.

    Dieses geeier ist wirklich unerträglich und schwächt lediglich weiter die ohnehin schon leere "Kriegskasse". Es gibt in Deutschland kompetente Leute wie Issing, wie Stark. Weshalb hat Frau Merkel die so ausgebootet?

  • Sarrazin meint ja der Euro sei überflüssig. Ich stimme dem nicht zu, weil dies falsch ist. Der € war dringend erforderlich um ganz Europa wirtschaftlich zu ruinieren. "Kein € mehr" ist ein Fauxpas. Wir brauchen ihn dringend um so weiter zu machen wie bisher. Es gibt nämlich noch jede Menge an €-Staatsanleihen, die bei gutgläubigen Kapitalanlegern, -eben solche, die auf Draghi vertrauen, auf ihren Wertverfall warten.

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