Leitartikel
China stärker einbinden

Für ihre Gespräche in Peking hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel viel vorgenommen. Vor allem möchte sie China dazu bewegen, international mehr Verantwortung zu tragen. So soll Peking vor allem dabei helfen, die Konflikte mit Iran und im Sudan zu lösen. Die wachsende wirtschaftliche Stärke Chinas führt automatisch zu einem größeren politischen Gewicht des Landes. Für den Westen wird die stärkere Einbeziehung Chinas deshalb zu einer der größten internationalen Herausforderungen.

Seit geraumer Zeit registrieren westliche Diplomaten, dass sich die früher extrem zurückhaltenden Chinesen auf immer mehr außenpolitischen Bühnen tummeln. Auf Grund des enormen Energiehungers der boomenden chinesischen Industrie intensiviert die Regierung in Peking ihre internationalen Kontakte zu den Rohstoffländern in Afrika und Asien. Und mit langfristigen Lieferverträgen wächst automatisch das Interesse Chinas an der politischen Stabilisierung der betroffenen Regionen und der Sicherung der Transportwege.

In den viel zu transatlantisch geprägten Debatten über Krisenmanagement wird dieses Eigeninteresse Chinas oft verdrängt. Dabei hätte schon der Nordkorea-Konflikt gerade die USA aufhorchen lassen müssen. Ohne, gar gegen China geht dort nichts. Nun werben Merkel und ihre westlichen Partner um Chinas Kooperation im Streit über Irans Atomprogramm. Ohne China geht auch in dieser Frage nur wenig.

Gleichwohl reduziert sich die Zusammenarbeit zwischen dem Westen und China noch zu sehr auf Einzelfälle. Mittelfristig muss der Westen aber China in die bestehenden internationalen Strukturen integrieren. Dies gilt vor allem für die G8-Gipfeltreffen, zu denen die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt bislang nur als Gast geladen wird. Eine Ausweitung des Nahost-Quartetts wäre möglicherweise auch sinnvoll. Denn aktive Mitwirkung fördert das Verantwortungsgefühl. Das zeigt Chinas Verhalten mit Blick auf eine WTO-Mitgliedschaft.

Die Gegner einer solchen Integrationsstrategie verweisen stets auf Chinas Demokratiedefizite. In den USA wird gar die Frage gestellt, ob nicht bereits die G8-Mitgliedschaft Russlands ein Fehler war. Doch so richtig es ist, dass auch Merkel in Peking die Flagge westlicher Werte hochhält, für die Kooperation bei der Lösung internationaler Krisen kann dieses eher moralische Argument kein Kriterium sein. Hier zählen die tatsächlichen Machtmittel, über die die jeweiligen Länder verfügen. Der Dialog nur mit Gleichgesinnten führt selten zum Ziel.

Zudem: Westliche Überheblichkeit ist nicht angebracht. Sicher, die Kritik etwa an Chinas Unterstützung afrikanischer Despoten ist berechtigt, weil diese die Ziele westlicher Entwicklungshilfe unterminiert. Aber wenn es um die Sicherung ihrer eigenen Energie- oder Sicherheitsinteressen geht, verhalten sich die USA und die Europäer auch nicht gerade zimperlich.

Eine systematische Einbindung Chinas in die internationale Zusammenarbeit bedeutet kein Kuschen vor dem autoritären Regime. Sie ist kein rechtsstaatliches Gütesiegel. Aber sie würde die Erfolgsaussichten für die Lösung vieler Krisen erheblich erhöhen.

rinke@handelsblatt.com

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