Leitartikel
Der rheinische Patient

Kein Tag ohne Horrormeldungen über die WestLB. Gestern zeichnete Übergangschef Alexander Stuhlmann ein viel finstereres Bild der Düsseldorfer Landesbank als sein abgetretener Vorgänger Thomas Fischer.
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Unglaubliche 604 Millionen Euro kostete das Spekulationsabenteuer im Eigenhandel. Natürlich hat Stuhlmann den Schaden bewusst hoch bewertet, um am Ende auf der sicheren Seite zu sein. Das hätte aber jeder getan, der wie er auf einem Schleudersitz Platz genommen hat.

Doch nun will man wissen: Handelt es sich bei den folgenschweren Eigenmächtigkeiten in der Handelsabteilung um eine weitere Grippe der WestLB, die bald wieder auskuriert sein kann? Oder ist die Bank ein Dauerpflegefall, einem Kranken gleich, dem es zwischen den regelmäßigen Schmerzschüben ab und zu noch erstaunlich gutgeht, der aber beim nächsten Schwächeanfall die einst stolze Bank sofort in den Schoß eines Käufers, zum Beispiel der Stuttgarter LBBW, fallen ließe?

Vergleicht man Halbjahresergebnisse und bisherige Geschäftspolitik von WestLB und LBBW, ergibt sich folgendes Bild: Die LBBW macht mit dem Dreifachen an Eigenkapital und Angestellten zu ähnlichen Kosten etwa das Doppelte des Gewinns der WestLB – wenn denn in Düsseldorf keine Panne passiert. Die Ertragskraft der WestLB ist also theoretisch vorhanden, auch wenn der Verwaltungsaufwand noch viel zu hoch ist. Aber die WestLB konzentriert sich traditionell auf Bereiche, in denen nicht nur die Renditen, sondern eben auch die Risiken höher sind: Großkundenkredite, die besonders vom Margenverfall betroffen sind, das derzeit turbulente Kapitalmarktgeschäft, strukturierte Finanzierungen und Investment-Banking. Das bei der WestLB fehlende Geschäft mit Privatkunden sorgt im Vergleich zur LBBW zu einem erheblich niedrigeren Zinsüberschuss und zu höherer Ertragsvolatilität. Um im Bild zu bleiben: Der Patient WestLB könnte gesund sein, raucht und trinkt aber zu viel und lebt damit sehr gefährlich.

Jetzt steht die nächste Entziehungskur an. Die Bank muss die Kosten deutlich runterbringen und den Kundenzugang ebenso markant verbessern. Die WestLB braucht dabei die Hilfe der Verwandten: Die Sparkassen, die ja allesamt auch in der Mutterrolle sind, müssen die WestLB in eigenem Interesse mit möglichst viel Geschäft versorgen, damit die Landesbank ihr Geschäft auf eine breitere Basis stellen kann. Verweigern sie dies, weil sie zum Beispiel ihr eigenes Großkundengeschäft partout nicht aufgeben wollen, dann hat die WestLB in ihrer heutigen Größe keine Zukunftschance – mit und ohne Fusion.

Auf Alexander Stuhlmann warten aber noch weitere Herausforderungen. Im Halbjahresbericht schreibt er zu den möglichen Folgen der US-Immobilienkrise: falls die sich nicht verschärfe, werde die Landesbank am Jahresende noch einen Gewinn abliefern. Darauf möchte man kaum wetten, folgt doch die ominöse Warnung, möglicher Wertberichtigungsbedarf „im US-Subprime-Geschäft könnte im zweiten Halbjahr die Entwicklung der Finanzinstitute belasten“ – also auch die WestLB.

Abschwächung des Kapitalmarkt- und M&A-Geschäfts, US-Risiken, die sich noch nicht bewerten lassen: Die WestLB bleibt der rheinische Patient.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
Handelsblatt

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