Leitartikel
Ein Schritt nach Europa

Die türkischen Militärs können es nicht lassen: Wenige Stunden vor der Wahl Abdullah Güls zum neuen Staatspräsidenten kamen wieder Drohungen aus dem Hauptquartier.
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Generalstabschef Yasar Büyükanit warnte, die säkulare Staatsordnung sei in Gefahr und die Streitkräfte würden sie beschützen. Die Abgeordneten der türkischen Regierungspartei ließen sich davon nicht einschüchtern, wählten Gül zum Staatsoberhaupt und zeigten damit, dass Drohungen und Erpressungen den demokratischen Prozess nicht aufhalten können.

Für die Türkei stellt Güls Wahl eine wichtige Station auf dem Weg zur Emanzipation von der Vormundschaft der Militärs dar. Das ist für das Land zugleich ein großer Schritt in Richtung Europa. Aber die Bedeutung dieser Wahl geht weit darüber hinaus. Sie schafft die Voraussetzungen dafür, dass der wichtigste Partner des Westens in dieser komplizierten Region stabilisiert wird und ein Modell für die Versöhnung von Islam und Moderne entsteht, das in die ganze muslimische Welt ausstrahlen kann. Die von Güls Gegnern verbreiteten Schreckensszenarien, wonach die Türkei nun auf dem Weg zurück in die Ära der Kalifen sei, kann man getrost abtun. Die Kemalisten fürchten Gül nicht wegen seiner Frömmigkeit, sondern weil er die aufstrebende Mittelschicht Anatoliens repräsentiert. Sie hat in der AKP ihre politische Vertretung gefunden und greift nun nach dem höchsten Staatsamt, das die Kemalisten als ihr Eigentum betrachten.

Gewiss, Gül ist ein ehemaliger Islamist. Er gehörte in den 90er-Jahren zur fundamentalistischen Wohlfahrtspartei des Necmettin Erbakan. Doch schon damals war er das liberale Gesicht der islamischen Bewegung. Seit dem Bruch mit Erbakan hat Gül entscheidend das Profil der AKP geprägt als einer in der Mitte des politischen Spektrums angesiedelten Reformpartei. In den vergangenen viereinhalb Jahren hat Gül als Außenminister nicht für die Islamisierung gewirkt, sondern für demokratische Reformen, Meinungsfreiheit und Minderheitenrechte. Engagiert warb er in der EU für einen Beitritt seines Landes.

So wurde der schnauzbärtige Gül, der immer zu lächeln scheint, zum europäischen Gesicht der Türkei. Mit ihm zieht nun ein versierter Diplomat im Präsidentenpalais von Cankaya ein. Und dass erstmals ein promovierter Ökonom und ehemaliger Banker an der Spitze eines Landes steht, dessen Politiker in der Vergangenheit nur wenig wirtschaftspolitischen Sachverstand bewiesen, ist ebenfalls ein Gewinn.

Einen Wendepunkt bedeutet Güls Wahl aber vor allem, weil mit ihm nun ein Mann an die türkische Staatsspitze tritt, der den seit achteinhalb Jahrzehnten unaufgelösten Grundkonflikt der modernen Türkei überwinden könnte: den Widerstreit zwischen orientalisch-islamischen Traditionen und westlich-säkularen Werten. Gül hat schon in den 90er-Jahren daran gearbeitet, Brücken zu bauen zwischen den Lagern der Religiösen und der Laizisten. Er lebt vor, dass moslemischer Glaube und Weltoffenheit, Islam und Demokratie keine unvereinbaren Gegensätze sein müssen. Darin liegt die weit über die Türkei hinausgehende Bedeutung dieser Wahl. Sie ist ein Signal für Europa und die islamische Welt.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa

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