Leitartikel
Verpaßte Chance

Bittere Nachricht für den europäischen Kapitalmarkt: Es wird auf absehbare Zeit keinen einheitlichen Finanzmarkt geben. Die Deutsche Börse zieht ihre Fusionspläne zurück, und die umworbene Vierländerbörse Euronext wird in die Arme der New Yorker Börse (Nyse) sinken.

Kurzsichtige Kleinstaaterei hat gesiegt und schwächt Europa für die Zukunft. Die Alte Welt kann sich offenbar auf Qualitätsstandards für Milch einigen, nicht aber bei der Gestaltung wichtiger Zukunftsmärkte zusammenhalten. Politiker, die ihren Einfluss hätten geltend machen können, haben sich zu Gunsten wahlkampftauglicherer Wirtschaftsbranchen wie der Flugindustrie zurückgehalten.Die Folge: Wir stehen vor einem Flickenteppich in der europäischen Börsenlandschaft, dominiert von den starken US-Konkurrenten. Während der bislang aus Paris geführte Euronext-Verbund mit Lissabon, Amsterdam und Brüssel an die Nyse geht, bestimmt die US-Technologiebörse Nasdaq bereits für die London Stock Exchange die Richtung. Der profitabelste Börsenkonzern, die Deutsche Börse, steht allein auf weiter Flur und wird sich irgendwann auf die Suche nach neuen Partnern machen müssen.

Das Ergebnis: Die europäische Zersplitterung wird dazu führen, dass amerikanische Gesetzgebung und Rechtsprechung die hiesigen Märkte noch stärker dominieren werden als bisher. Und wer die Regeln vorgibt, bestimmt auch, was wie gespielt wird. Aber hier geht es nicht nur um die Finanzierung von Firmen, sondern von ganzen Staaten. Die Gründe für das jetzige Scheitern sind seit den ersten Einigungsversuchen vor fast zehn Jahren immer die gleichen. Mit einer Börse sind Prestige und Macht verbunden. Sie will niemand aufgeben. Und wer behauptet, die Aktionäre hätten entschieden, liegt falsch: Die Lobbygruppen der jeweiligen Finanzplätze haben ihre Traditionsbataillone aufgeboten, um ihre Macht zu wahren. Hedge-Fonds und institutionelle Anleger sind dann mit Begeisterung auf der Welle mitgeschwommen. Nicht, dass Deutschland ein leuchtendes Beispiel für Europa abgäbe. Nur wegen ähnlicher Eitelkeiten in den Bundesländern gibt es hier zu Lande noch sechs Regionalbörsen.

Für den Frankfurter Börsen-Chef Reto Francioni ist die Entwicklung ebenfalls bitter. Er kann zwar auf die Profitabilität der Deutschen Börse und das Wachstumspotenzial setzen. Langfristig aber bleibt sein Problem erhalten: Er muss einen neuen Partner von Gewicht finden. Dafür werden die Hedge-Fonds sorgen, die seinen Vorgänger entmachteten und ihm im Nacken sitzen. Auch am Hauptstandort der Euronext in Paris scheint – kaum dass der Rückzug der Deutschen publik wurde – einigen die Lage bewusst zu werden. Schon die ersten Reaktionen aus Frankreich lassen erahnen, dass es für Euronext-Chef Jean-François Theodore nicht einfach wird. Der Chor derjenigen, die aus Furcht vor der US-Justiz und der Börsenaufsicht SEC warnen, wird in dem Maße anschwellen, wie die Erkenntnis reift, dass man nicht mehr zwei Hochzeitswillige gegeneinander ausspielen kann. Jetzt ist es aber zu spät. Nyse-Chef John Thain wird sich von seinem Projekt nicht mehr abbringen lassen. Warum auch? Für die Nyse hat er einen großen Coup gelandet, indem er die Uneinigkeit in Europa ausgenutzt hat. So macht man Deals!

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