Medien und Politik
Bis es schmerzt

Politik nur noch im Parlament? Man stelle sich vor, Gesundheitsreformen, Kämpfe um Steuereinnahmen und Krach um Kindertagesplätze spielten sich künftig ausschließlich vor dem Hohen Haus ab. Keine Ulla Schmidt, die bei Christiansens öffentlich-rechtlichem Polterabend gegen die Pharmalobby vom Leder zieht, kein Peer Steinbrück, der MinisterkollegInnen vor laufender Kamera als Naivlinge besonders schlichten Geistes zu entlarven sucht. Und keine Ursula von der Leyen, die treuherzigen Blicks und mit telegener Frisur neue Familienbilder via Bildschirm beschwört – was für eine gähnende Langeweile drohte in deutschen Wohnzimmern.

Erst durch das Fernsehen erreicht der Politiker Existenzstatus, getreu dem Motto: Ich bin auf Sendung, also bin ich. Deshalb ist der Vorschlag von Bundestagspräsident Norbert Lammert, Politiker mögen sich doch bitte eine gewisse Fernsehabstinenz auferlegen, natürlich blanker Unsinn. Denn dieser Vorgang käme einer Dematerialisierung des „corpus politicus“ gleich – ohne Garantie auf Rückkehr ins Raumschiff.

Im Ernst: Natürlich lässt sich eine Verflachung politischer Aussagen in der Mediendemokratie feststellen; Häppchensprech und Binsen lassen grüßen. Natürlich leidet die Perzeption von Politik angesichts dessen unter Ermüdungserscheinungen. Und natürlich hat Politik heute auch mit Entertainment zu tun. Erst in der Inszenierung lebt der Politiker bekanntlich auf. Neu ist das nicht. Die Entwicklung hat sich aber enorm beschleunigt – zumal nach Einführung der dualen Rundfunkwelt Mitte der 80er Jahre.

Längst sind Parteitage und Wahlkämpfe Medien-Events. TV-Duelle können über Wohl und Wehe eines Kandidaten entscheiden – man denke nur an den jämmerlichen Auftritt Edmunds Stoibers bei Christiansen im Wahlkampf 2002: Er stottert, verdreht Worte, verwechselt Namen. Natürlich hatte er so keine Chance gegen Gerhard Schröder. Und Hand aufs Herz: Wollen wir tatsächlich einen Kurt Beck als Kanzler(kandidaten), der die mediale Ausstrahlung eines Apothekers in der Provinz hat?

Politik ist Kommunikation, ist es immer schon gewesen – und so ist es nur natürlich, dass sie sich der modernsten zur Verfügung stehenden Kommunikationstechniken und -mittel bedient. Kommunikation ohne Emotionalisierung und Personalisierung von Inhalten ist blutleer und fade. Diese Einsicht zu Grunde gelegt, gehört Medienkompetenz heutzutage zu den Kernkompetenzen eines Politikers. Und das ist gut so.

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