Medienindustrie
Eine Chimäre

Dem Nihilismus der Medienbranche hat der Regisseur Peter Weir mit seiner „Truman Show“ ein filmisches Denkmal gesetzt.

Der kongeniale Hauptdarsteller Jim Carrey erkennt in dem legendären Streifen langsam, aber unweigerlich, dass sich sein scheinbar glückliches Leben im Käfig einer 24-stündigen TV-Kulisse abspielt. „Trumans“ Freiheit endet an der Studiowand der inszenierten heilen Welt. Peter Weirs Meisterwerk aus den 90er-Jahren erscheint heute wie eine Parabel auf die Film- und TV-Industrie: Die schöne Welt steigender Umsätze stößt an Grenzen. Hinter der unsichtbaren Wand des analogen Fernsehens verbirgt sich eine neue TV-Welt voller Gefahren. Noch ist auf der Mip-TV, Europas größter Fernsehmesse, die Welt scheinbar in Ordnung. Im Schatten der Palmen von Cannes treffen sich Produzenten, Rechtehändler und Senderchefs, um den Nachschub mit Programmen zu sichern. Der Markt hat sich nach dem bitteren Einbruch vor fünf Jahren längst gefangen. Die Nachfrage nach audiovisuellen Inhalten steigt wieder weltweit. Die wachsende Bedeutung des digitalen Fernsehens schafft Phantasien. Gleichgültig, ob Serien, Filme oder Show: Inhalte werden angesichts des Gründerbooms bei digitalen Kanälen dringender denn je benötigt. Selbst angestaubte TV-Serien aus dem untersten Regal mancher Filmbibliothek finden wieder einen Abnehmer. Doch ähnlich wie „Truman“ alias Jim Carrey merken auch die Produzenten und Rechtehändler, dass die schöne Medienwelt mit garantiertem Dauersonnenschein womöglich eine Chimäre ist. Denn in der Kulisse, welche die TV-Sender für ihre Inhaltelieferanten aufgebaut haben, stoßen die Produzenten schnell an die Studiowand. Hinter der Kulisse verbirgt sich ein gnadenloser Markt mit sinkenden Margen. Die Sender werden angesichts hoher Renditeerwartungen ihrer Gesellschafter gegenüber den Produzenten immer unnachgiebiger.

Bei RTL wird jeder Euro zweimal umgedreht. Schließlich muss Europas größter TV-Konzern als Dukatenesel für den hoch verschuldeten Mutterkonzern Bertelsmann herhalten. Bei der Sendergruppe Pro Sieben Sat 1 ist der Kostendruck ähnlich hoch. Im Zeitalter des Internetfernsehens müssen die Film- und Fernsehproduzenten mehr Geld für Forschung und Entwicklung neuer Programme ausgeben. Das Risiko teurer Fehlgriffe ist dabei hoch. Und das hat Folgen. Vor allem kleine und mittlere Firmen werden immer öfter zu Übernahmekandidaten. Im Gegensatz zu früheren Jahren treibt die Marktbereinigung vor allem neue, finanzstarke Spieler an. Mächtige Finanzinvestoren drängen in die bislang meist zersplitterte Film- und Fernsehbranche. Fast unbemerkt übernahm der britische TV-Produzent All 3 Media die Berliner Filmfirma MME Moviement („Richterin Barbara Salesch“, „Bravo TV“, „Tatort“).

Der Sinn und Zweck solcher Transaktionen ist leicht zu durchschauen: Die Finanzinvestoren wollen nach der Übernahme von Pro Sieben Sat 1 durch die Installierung eines europäischen Produktionskonzerns die Wertschöpfungskette im Film- und Fernsehgeschäft verlängern. Konkurrenten wie RTL sind die Vorbilder. Die Bertelsmann-Tochter besitzt mit der Produktionstochter Fremantle Media, zu der auch Deutschlands größter TV-Produzent Ufa gehört, den Branchenprimus in Europa. Fremantle ist heute eine der wichtigsten Ertragssäulen im RTL-Reich. Selbst die betagte ARD hegt seit jeher ihre Produktionstöchter Bavaria Film und Studio Hamburg. Von größter Bedeutung für die gesamte Produktionsbranche in Europa ist der Ausgang des Bieterwettkampfes um den niederländischen „Big Brother“-Produzenten Endemol. Der spanische Telekommunikationskonzern Telefónica sucht derzeit einen Käufer für die Nummer zwei unter den Fernsehproduzenten. Interessant ist dabei nicht nur der Preis. Telefónica hatte den Produktionskonzern auf dem Höhepunkt des Medien- und Internetbooms im Jahr 2000 für sagenhafte 5,5 Milliarden Euro gekauft. Nach Branchenschätzung ist Endemol heute gerade mal rund drei Milliarden Euro wert. Noch interessanter ist, wer von den Spaniern den endgültigen Zuschlag erhalten wird. Wird es ein traditioneller Fernsehkonzern wie die italienische Mediaset oder die mexikanisch-amerikanische Televisa sein? Oder haben abermals Finanzinvestoren unter Führung des Firmengründers John de Mol oder des früheren Vorstands Tom Barnicoat am Ende die Nase vorn? Anfang Mai will Telefónica-Chef Cesar Alierta sich entscheiden.

Doch schon jetzt ist klar: Die Konsolidierung in der Film- und Fernsehbranche verschärft sich. Ohne enge Anbindung an eine große, internationale TV-Gruppe werden die meisten Film- und Fernsehproduzenten kaum noch überlebensfähig sein.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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