Ostdeutschland
Zerrbild und Vorbild

Muss man sich mit Jörg Schönbohms Thesen zur Verantwortung des DDR-Systems für die Taten einer mutmaßlichen Kindesmörderin lange aufhalten? Die gerade Linie, die Brandenburgs CDU-Innenminister von der Zwangskollektivierung zu schwersten Straftaten zieht, ist ebenso abwegig, wie es die Behauptung wäre, die freie Marktwirtschaft habe zu den Untaten der Kinderschänder in Saarbrücken geführt.

Zynisch kann man nur anmerken: Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet ein so knallharter Konservativer wie Schönbohm sich eine bis zur Absurdität getriebene Milieutheorie zu Eigen macht, deren rationale Variante eher mit linksliberalem Denken verbunden ist.

Aber die wirren Gedanken des Ex-Generals, das ist absehbar, werden sich verselbstständigen und möglicherweise zur Neuauflage der Debatte darüber führen, ob die SED im Osten Deutschlands in moralischer Hinsicht verbrannte Erde hinterlassen hat und dies wiederum Kriminalität, Rechtsextremismus und den Verfall von Sozialbeziehungen in Teilen der Bundesländer erklärt, die man 15 Jahre nach der Wiedervereinigung kaum noch als „neue“ bezeichnen kann.

Wie verworren es dabei zugeht, zeigt eine Episode der vergangenen Tage: Da stellte ein und derselbe Experte in einem Zeitungsgespräch einen Zusammenhang zwischen dem DDR-Staat und „strukturschwachen Menschen“, die zu Panik und Depressionen neigten, her und kritisierte Schönbohms Äußerungen dennoch später in einem Fernsehinterview als haltlose Entgleisung.

Bei diesem Thema fühlt sich offenbar jeder berufen, frei zu assoziieren. Deshalb ist es gut, einen Blick auf die Fakten zu werfen. Die lassen die Aufregung schnell zusammenfallen: Nach der jüngsten Statistik des BKA fallen die ostdeutschen Länder nicht durch höhere Kriminalität auf. In der Zahl der Fälle je 100 000 Einwohner liegen Thüringen und Sachsen unter, Brandenburg und Mecklenburg über dem Bundesdurchschnitt. Berlin kommt auf fast das Doppelte der mittleren Häufigkeit, liegt aber damit genau auf einer Stufe mit den anderen Stadtstaaten Bremen und Hamburg.

Nein, es hat wenig Sinn, 16 Jahre nach der Wende noch einmal die These aufzustellen, die SED habe die Menschen in Werteorientierung und Sozialverhalten so entwurzelt, dass sie sich noch heute bereitwillig in Arbeitslosigkeit, Rechtsextremismus und gewöhnlicher Kriminalität einrichteten. Die Tatsachen geben keinen Hinweis auf ein markant „abweichendes“ Verhalten der Ostdeutschen her, und da, wo es im Einzelfall doch gefährliche Tendenzen gibt – siehe die Erfolge der NPD in Sachsen –, ist die Ursache-Wirkung-Beziehung ungleich komplizierter, als die Vereinfacher sie darstellen.

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