PISA-Studie
Noch ist Deutschland Mittelmaß

Die dritte Pisa-Studie lag noch nicht auf dem Tisch, da hatte Roland Koch schon ausgemacht, wer schuld am abermals unbefriedigenden Ergebnis ist: Die Ausländer sind schuld, sie verderben unser Ergebnis, ließ Hessens Regierungschef nach den ersten Vorabmeldungen verlauten.
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Nun liegt die Pisa-Studie offiziell vor, und siehe da: So einfach ist es nicht. Natürlich ist ein hoher Migrantenanteil eine besondere Herausforderung für die Schulen. Aber der internationale Vergleich zeigt: Deutschland wird besonders schlecht mit dieser Herausforderung fertig. Unsere Migrantenkinder hängen im Schnitt gut zwei Schuljahre hinterher. Es ist auch kein Trost, dass das in der Schweiz, Österreich, Dänemark und den Niederlanden ähnlich ist.

In Kanada und Australien, die viel mehr Ausländer haben, ist der Abstand nicht einmal ein Drittel so groß. Vor allem weil Kanada seine Ausländer besser integriert, liegt es in allen Pisa-Disziplinen in der Spitzengruppe.

Polemik wie die hessische – ähnliche Stimmen kamen auch schon aus Bayern – sind daher nicht nur verfälschend, sondern auch unverantwortlich, sowohl mit Blick auf den Einzelnen als auch mit Blick auf die Volkswirtschaft, die auf bessere Abschlüsse angewiesen ist.

Die schulischen Leistungen der Migranten hängen mit deren sozialer Lage zusammen. In den letzten Jahren hat sich bestätigt, dass in Deutschland die Abhängigkeit der Schulleistung vom Elternhaus so hoch ist wie in kaum einem anderen Land. Was das angeht, haben wir uns immerhin inzwischen auf den internationalen Durchschnitt hochgearbeitet. Noch immer ist jedoch die Chance eines Professorenkindes, den Sprung aufs Gymnasium zu schaffen, mehr als doppelt so groß wie die eines gleich guten Facharbeiterkindes.

Selbst das ist ein echter Fortschritt: Im Jahr 2000 war die Wahrscheinlichkeit noch dreimal so hoch. Dabei kann das Land aber nicht stehenbleiben, jedenfalls nicht, wenn es die deutschen Bildungspolitiker ernst meinen mit ihrem Ziel, 40 Prozent eines Jahrgangs auf die Hochschulen zu schicken. Derzeit sind es nur gut 30 Prozent; zieht man die Abbrecher ab, sind es nur noch gut 20 Prozent.

Wenig erfreulich fällt auch der Blick auf die einzelnen Pisa-Ergebnisse aus. Freude ist nur bei den Naturwissenschaften angebracht, wo die 15-Jährigen erstmals deutlich überdurchschnittlich abschnitten. Dafür verdienen die deutschen Lehrer ein Lob. Das gilt ungeachtet der Tatsache, dass die Vergleichbarkeit der aktuellen Ergebnisse mit denen früherer Tests noch umstritten ist.

Sehr bedenklich ist dagegen, dass selbst von den Schülern, die gut in Naturwissenschaften abschneiden, fast die Hälfte sich gar nicht dafür interessiert und viel lieber einen Beruf anpeilen will, der nichts mit Naturwissenschaften zu tun hat. Das ist für den Wirtschaftsstandort Deutschland fatal, denn in den naturwissenschaftlich-technischen Berufen herrscht bis weit in die Zukunft der größte Mangel am Arbeitsmarkt. Die vielfältigen Aktivitäten, Physik & Co. interessanter zu machen, reichen also bei weitem noch nicht. Es spricht viel dafür, dass auch zu wenig Stunden in diesen Fächern unterrichtet werden.

In Lesen und Mathematik dümpeln deutsche Schüler weiterhin im Mittelfeld. Tröstlich sind allenfalls die leichten Tendenzen zur Besserung. Unterm Strich sind die deutschen Schüler also nach wie vor nur Mittelmaß.

Unsere Bildungspolitiker rechtfertigen sich damit, dass die nach der 2001 präsentierten ersten Pisa-Studie eingeleiteten Reformen noch nicht greifen konnten. Sie haben bisher vor allem die Grundschulen in den Blick genommen und dem Kindergarten einen Bildungsauftrag verpasst. Auch die neuen Ganztagsschulen sind vor allem Grundschulen. Also, so das Argument, könne die Verbesserung noch nicht bei den 15-Jährigen greifen.

Doch so einfach ist es nicht. Es ist richtig, das System von unten zu reformieren. Das darf aber nicht bedeuten, dass wir über ein Jahrzehnt lang Potenziale in den höheren Klassen verschenken.

Einerseits werden damit Lebenschancen jedes Einzelnen und damit die Aussicht auf Jobs und Verdienst geschmälert. Andererseits haben es die Unternehmen heute mit Abgängern zu tun, von denen 20 Prozent nicht richtig lesen und schreiben können.

Die Lage könnte schon deutlich besser sein, hätten sich die Kultusminister frühzeitig auch den weiterführenden Schulen zugewendet. Das Beispiel Polen zeigt, dass man in wenigen Jahren große Sprünge machen kann. Mit drastischen Reformen, die vor allem der Integration der schwächeren Schüler dienen, erzielt es mittlerweile deutlich überdurchschnittliche Ergebnisse. Was unsere weniger wohlhabenden Nachbarn können, müssten auch wir schaffen.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin

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