Präsidentschaftswahl in Frankreich
Kommentar: Renaissance der Politik

Frankreichs Demokratie lebt – und wie! Das haben die Franzosen am Sonntag gleich zweifach bewiesen: mit dem historischen Ansturm auf die Wahllokale, den es in Deutschland so schon lange nicht mehr gab. Und mit der klaren Absage an den rechtsextremen Kandidaten Jean-Marie Le Pen, der 2002 noch den Sprung in die Stichwahl geschafft hatte. Le Pen ist der große Verlierer des Wahlabends.

Das spricht für die Qualität des Wahlkampfs. Gleich drei Kandidaten ist es gelungen, die Wähler in Massen für sich zu mobilisieren. Der scheidende Staatspräsident hat Grund, neidisch zu sein. Jacques Chirac erreichte im ersten Wahlgang nie auch nur annähernd jenen Stimmenanteil, den Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal jeweils am Sonntag erzielten.

Das neue Staatsoberhaupt wird also auf jeden Fall mehr Rückhalt im Volk haben als Chirac – egal, wer die Stichwahl am 6. Mai gewinnt. Royal und Sarkozy haben offenkundig auch Schichten am unteren Ende und am Rande der Gesellschaft angesprochen, die Wahlkämpfer oft viel zu schnell verloren geben. Diesen Wählern, die sich als Verlierer der Globalisierung fühlen, haben beide Kontrahenten im Wahlkampf mehr nationale Identität angeboten. Die Rechnung ging offenkundig auf.

François Bayrou verfehlte den Sprung in die Stichwahl, doch er darf sich trotzdem als dritter Sieger fühlen. Er hat seinen Stimmenanteil von 2002 verdreifachen können mit einer Botschaft der politischen Mitte. Das ist eine Sensation in einem traditionell bipolaren politischen System. Bayrous Wähler werden bei der Stichwahl in zwei Wochen das Zünglein an der Waage sein. Dann wählt Frankreich nicht nur zwischen zwei grundverschiedenen politischen Charakteren, sondern auch zwischen zwei Gesellschaftsentwürfen.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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