Rente
Gefühlsduselei

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Die „gefühlte Temperatur“ haben findige Metereologen schon vor einiger Zeit erfunden, um ihre Wettervorhersage attraktiver zu machen. Nun hat die SPD auch die „gefühlte Gerechtigkeitslücke“ entdeckt. Anders als die Klimakundler nutzen die Genossen diesen merkwürdigen Begriff aber vorwiegend, um ihre Agenda-Politik schlechtzureden.

Schon vor seinem Vorstoß zum Arbeitslosengeld I, dessen Zahldauer für Ältere SPD-Chef Kurt Beck trotz steigender Beschäftigungsquoten unbedingt verlängern will, hatte sich der Mainzer Ministerpräsident als Avantgardist der neuen Gefühlspolitik betätigt. Noch vor Verabschiedung der Rente mit 67 entdeckte er den inzwischen sprichwörtlichen Dachdecker, der unmöglich so lange auf dem First stehen kann.

Kein Hinweis auf die im Kern unveränderte Erwerbsminderungsrente und die zahlreichen Ausnahmen im Gesetz half. Auch nicht die leise Erinnerung, dass ein Großteil der über 50-Jährigen, die mit Trillerpfeifen protestierten, von der Reform gar nicht betroffen sind. Beck setzte eine Arbeitsgruppe ein, um das empfundene Unrecht auszubügeln.

Es kam, wie es kommen musste: Die Experten schlagen einige durchaus erwägenswerte Vereinfachungen etwa bei der Teilrente vor. Doch sie schrecken davor zurück, Hunderttausenden Menschen sofort und gratis den Ausweg einer Frührente zu eröffnen. Gerade noch rechtzeitig hat sich in der Arbeitsgruppe offenbar die Vernunft oder die Rücksicht auf Arbeitsminister Franz Müntefering durchgesetzt. So werden dem SPD-Parteitag objektiv ziemlich marginale „Verbesserungen“ der Rente mit 67 vorgeschlagen. Das Dumme für Beck: Auch der Dachdecker wird das bald merken und sich subjektiv ziemlich verschaukelt fühlen.

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