Russland
Ein Brief an Putin

Lieber Wladimir Wladimirowitsch, beenden Sie das Morden. Ach ja, und frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr!

Ganz in Feiertagsstimmung wollen wir das Prinzip „im Zweifel für den Angeklagten“ hochhalten und Ihr Wort akzeptieren, dass Sie und Ihre Regierung nichts mit dem Giftmord am früheren russischen Spion Alexander Litwinenko zu tun haben. Das soll auch für die versuchte Vergiftung des früheren Premierministers Yegor Gaidar in Dublin gelten, für die Vergiftung des ukrainischen Präsidenten Viktor Juschenkow, die ihn entstellt, aber nicht getötet hat, und die Erschießung der Journalistin Anna Politkovskaya in Moskau.

Dennoch muss ich an Ähnlichkeiten zwischen Ihnen und Henry II. denken, dem König, der 1170 zornig über seinen Gegenspieler, den Erzbischof Thomas Becket, gesagt haben soll: „Wird niemand mich von diesem aufdringlichen Priester erlösen?“ Vier Ritter ermordeten Becket, um anschließend von Henry II. gezüchtigt zu werden, der niemals die Absicht hatte, so beim Wort genommen zu werden.

Der Punkt ist: Ob Sie nun die Ermordung von Litwinenko angeordnet haben oder nicht, Sie sind verantwortlich. Entweder unmittelbar, weil Untergebene über Ihre Wünsche hinausschossen, oder mittelbar, weil Sie Intoleranz, Verdächtigungen und Paranoia, diese alte russische Dreifaltigkeit, über das Land verbreitet haben. Anatoly Tschubais, der Unternehmer und frühere Politiker, der 2005 selber Ziel eines Mordanschlages war, hat eine andere Theorie. Er sagt: „Das tödliche Dreieck – Politkovskaya, Litwinenko und Gaidar – muss attraktiv gewesen sein für Leute, die einen gewaltsamen Machtwechsel in Russland anstreben.“

Ich nehme Herrn Tschubais die Überzeugung ab, dass die drei Todesfälle auf einen gemeinsamen Urheber zurückgehen, halte sein Argument aber für inakzeptabel, dass diese „Leute“ bestimmt nichts mit der Regierung zu tun hätten, weil es doch so viel leichter gewesen wäre, Gaidar in Moskau statt in Dublin aus dem Weg zu räumen. Wie alle guten Profis haben solche Mörder Aufträge zu Hause und im Ausland. Ich will mit diesem Brief aber nicht zu der „Wer war es“-Debatte beitragen, sondern an den appellieren, der die Morde stoppen kann. Und das müssen Sie schnell tun, um den Platz in der Geschichte einnehmen zu können, für den Sie so hart gearbeitet haben. Sie haben gut begonnen, indem Sie die Ordnung wiederherstellten, korrupte Gouverneure und Oligarchen absetzten. Es fällt sogar schwer, Ihnen die Renationalisierung des Energiesektors vorzuwerfen: Statt mit Nuklearwaffen trachten Sie mit Öl und Gas danach, globalen Einfluss zu haben.

Ein bekannter Banker, der in Ihrem Land lebt, aber wie viele Kritiker lieber anonym bleiben will, beschreibt das Problem so: Statt mit der russischen Geschichte zu brechen und ein gesundes, international offenes und westlich orientiertes Land zu schaffen, seien Sie in den gewohnten Despotismus zurückgefallen, den der Marquis de Custine 1839 in den „Briefen aus Russland“ so farbig beschrieb (http://en.wikipedia.org/wiki/Marquis_de_Custine). Russland hatte für ihn eine asiatische Seele unter europäischer Oberfläche.

Sie hätten leichter als Ihre Vorgänger mit der Vergangenheit brechen können. In einer Welt, in der wirtschaftliche die militärische Macht ersetzt hat, haben Sie mit Russlands Ressourcen beste Chancen. Sie sind so populär, dass Ihnen niemand ernsthaft gefährlich werden kann. Und niemand auf der Welt hat es auf Sie abgesehen. Ich weiß, Sie fürchten, Georgien und die Ukraine könnten Nato- und EU-Mitglieder werden. Aber niemand in diesen Länder kann Sie bedrohen, und die Mitgliedschaft könnte prosperierende Nachbarn stabilisieren.

Mit Speck fängt man Mäuse. Um sich Ihren Nachbarn zu nähern, müssen Sie wirtschaftliche Chancen und Freihandel anbieten, nicht ihre Weinexporte mit Embargo belegen oder Separatistengruppen unterstützen. Was Sie bedroht, sind nicht Ihre Nachbarn, sondern nukleare Proliferation und Islamisten in gescheiterten Staaten. Aber statt auf den Westen zuzugehen, der Ihnen in gemeinsamer Bedrohung verbunden ist, bieten Sie dem gefährlichsten Land überhaupt Hilfe, dem Iran – wegen kommerzieller Interessen und einer überholten Auffassung von Ihren Freunden und Feinden. Unsere europäischen Freunde reden dieser Tage viel darüber, dass die USA Russland nicht isolieren dürfen. Doch der Ball liegt in Ihrem Feld, Wladimir Wladimirowitsch: Sie müssen entscheiden, ob Sie Ihr Land in die zivilisierte Welt integrieren oder lieber wie der natürliche Erbe von Lenin und Stalin auftreten wollen.

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