Schering-Übernahme
Der ewige zweite Sieger

Als der Versicherungsriese Allianz verkündete, seinen elfprozentigen Schering-Anteil Bayer andienen zu wollen, schien alles klar: Der Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern werde wohl seine geplante 16,5-Milliarden-Übernahme des Berliner Pharma-Unternehmens zustande bringen. Jedenfalls gab man sich in Leverkusen siegesgewiss. So siegesgewiss wie im Jahr 2002 als sicher geglaubter deutscher Fußballmeister, als aber dann doch eine unerwartete Niederlage von Bayers Fußballabteilung in Unterhaching am letzten Spieltag den Traum vom Titel jäh zerstörte.

Mit Niederlagen – so auch der, dass die bundesdeutsche Fußball-Nationalmannschaft ihr Hauptquartier bei der gerade laufenden WM doch nicht am Rhein aufgeschlagen hat – hat man bei Bayer zu leben gelernt. Selbst das inzwischen ordentlich laufende Geschäft der in die Lanxess AG abgestoßenen Chemie-Aktivitäten könnte Bayer-Chef Werner Wenning persönlich noch als Gewinn interpretieren. Er hat es zwar nicht fertig gebracht, diesen Bereich selbst zu sanieren. Dafür sprechen aber die Zahlen für ihn: Bayer weist wieder ordentliche Gewinne aus, Lanxess ist offensichtlich auf einem guten Weg.

Aber nun Schering! Es sollte der größte Coup in Wennings vierzigjähriger Dienstzeit bei Bayer werden. Es sollte Bayer wieder zu alter Größe verhelfen. Mit 16,5 Milliarden Euro als Übernahmepreise würde Bayer – nach allen Rückschlägen wie den Lipobay-Skandal – wieder in die Weltliga der Pharmahersteller aufsteigen.

Aber was ist, wenn dieser Deal jetzt womöglich doch nicht zustande kommt? Wenn die Kampfesweise des Familienunternehmens Merck, die heimlich, still und leise sich fast ein Fünftel der Schering-Anteile zusammengekauft hat, zum Stolperstein für Wennings Vorhaben wird? Als Bayer bereits die Frist für sein Schering-Übernahmeangebot verlängert hat, ahnte man, dass das Vorhaben scheitern könnte. Wie kommt es, dass Bayer nicht zeitig mit massiven Käufen gegengehalten hat? Hat da die Finanzabteilung von Bayer versagt?

Hinter den Kulissen war man bei Bayer zwar ebenso froher Erwartung über den neuen Global Player „Bayer Schering Pharma AG“ – aber ebenso auch skeptisch: „Noch ist der Deal nicht unter Dach und Fach.“ Oder: „Da kommt noch sehr viel Arbeit auf uns zu.“ Das waren Aussagen von Mitarbeitern aus der zweiten Reihe, die nicht nur das Positive an dieser geplanten Mega-Fusion sehen.

Großartig aufstocken kann Bayer sein Schering-Angebot von 86 Euro je Aktie nicht. Schon auf der letzten Hauptversammlung monierten zahlreiche Aktionäre, dass für Schering ohnehin schon viel zu viel bezahlt werde. Bei geschickterer Taktik hätte man den Berliner Übernahmekandidaten zu einem früheren Zeitpunkt wesentlicher preiswerter erhalten können, lautete die Vorhaltung. Jetzt fürchten die Mitarbeiter sowohl von Bayer als von Schering, dass bei einer womöglich noch teureren Zusammenlegung noch mehr als die ohnehin schon avisierten 6000 Jobs zur Disposition stehen. Das ist nicht gerade gut für die Motivation; wer sägt schon gerne an dem Ast, auf dem er selber sitzt.

Wenn Bayer bis Mittwoch – wie nun zu erwarten – nicht die angestrebten 75 Prozent der Schering-Anteile zusammen hat, dann wäre das in der Tat als Niederlage, auch als persönlicher Misserfolg für Bayer-Chef Werner Wenning zu werten. Und dann würde Bayer Leverkusen seinen Nimbus als „Ewiger zweiter Sieger“ wohl nie mehr los.

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