Siemens
Kommentar: Historischer Umbau

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Transparenter, weniger komplex, schneller, effizienter. Die vier Adjektive, im Komparativ, markieren nichts anderes als die Hausaufgaben, die Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme dem neuen Konzernchef Peter Löscher bei dessen Amtsantritt mit auf den Weg gegeben hat. Knapp 100 Tage sind seither ins Land gegangen, es scheint so, als sei Löscher dabei, die Vorgaben Crommes mit Entschlossenheit und vor allem überraschender Geschwindigkeit in die Tat umzusetzen.

Denn das, was Löscher in der Nacht zum Freitag in der Siemens-Zentrale skizziert hat, ist ein so weitreichender Umbau in der Konzernstruktur, dass er das Prädikat historisch gewiss verdient. Die zehn operativen Bereiche werden in drei Arbeitsgebiete zusammengelegt, diese erhalten einen weltweit verantwortlichen Chef mit Sitz im Konzernvorstand, die relativ große Eigenständigkeit der Ländergesellschaften wird entscheidend beschnitten.

Viele Beobachter haben dem Siemens-Chef, der nicht im Unternehmen groß geworden ist, diese Konsequenz nicht zugetraut. Das mag auch mit der Erscheinung des Österreichers zusammenhängen. Im Gegensatz zu seinem bisweilen halbstark auftretenden Vorgänger Klaus Kleinfeld pflegt Löscher einen vornehm zurückhaltenden, geradezu leisen Auftritt. Doch seine Botschaften sind an Eindeutigkeit nicht zu überbieten. Selten hat man einen Vorstandschef eines deutschen Konzerns so kompromisslos die Unzufriedenheit angehört wie jetzt Löscher mit seiner scharfen Kritik an dem von Kleinfeld initiierten Joint-Venture Nokia Siemens Network.

Viele haben bei Löschers Amtsantritt gekrittelt, so einen wie ihn, den finde man doch bei Siemens selbst im Dutzend billiger. Vielleicht haben sie den ruhigen Neuen schlicht unterschätzt. Löscher hat, wie von ihm versprochen – „Tempo, Tempo, Tempo“ – eine erstaunliche Dynamik gezeigt und einen Fleiß der sich mit dem Eifer eines Kleinfeld gewiss messen kann. Er hat die Compliance-Organisation auf neue Füße gestellt und die Konzernspitze mit dem Amerikaner Solmssen erneuert und internationalisiert. Er hat in der juristischen Auseinandersetzung um den Schmiergeldskandal eine erste Front begradigt, indem die deutsche Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen gegen das Millionenbußgeld einstellt. Nun wagt sich dieser Mann ans Eingemachte, dafür wird er Fortüne gebrauchen. Hat er sie, könnte aus ihm, dem Fremdling, angesichts dessen, was er offenbar vorhat, einer der großen Siemens-Unternehmer werden.

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