SPD Hamburg
Sprung aufs Wrack

Schreibfehler oder verfrühter Aprilscherz? Dass Michael Naumann ernsthaft für die Hamburger SPD als Spitzenkandidat antritt, will man auch nach mehrmaligem Lesen nicht glauben. Den Hamburger Sozialdemokraten, die sich in den vergangenen Wochen mal wieder in der Kunst der politischen Selbstvernichtung geübt haben, kann man nur gratulieren: Sie gewinnen zwar keinen Kandidaten, der für die Lokalpolitik brennt, geschweige denn ein eigenes Gewächs wäre. Aber darum geht es auch nicht. Die SPD muss nur noch verhindern, weggespült, vom Fischmarkt direkt ins Meer geschwemmt zu werden. Der polyglotte Ex-Kulturstaatsminister und Herausgeber der in Hamburg verwurzelten „Zeit“ ist wie ein Geschenk des Himmels für sie.

Aber was in aller Welt hat Naumann bewogen, der SPD dieses Geschenk zu machen? Immer wieder hat er kategorisch und glaubwürdig eine Rückkehr in die Politik ausgeschlossen und als seine Lebensperspektive das Segeln und Durchstöbern seiner Bibliothek angegeben. Das war keine Koketterie: Sosehr der eng mit Gerhard Schröder und Außenminister Frank-Walter Steinmeier verbundene Naumann sich für Politik im Allgemeinen und für die SPD im Besonderen begeistert, so wenig kann man sich ihn als Kandidaten vorstellen, der wider besseres Wissen von den Vorzügen der Hamburger SPD schwärmt oder den zerstrittenen Parteihaufen wieder zusammenführt.

Warum also tut er sich das an? Naumann hat schon lange die Idee im Kopf, dass ein Wechsel zwischen Politik und Journalismus allen Beteiligten gut tut. Doch das erklärt den Sprung auf das rote Wrack noch nicht. Da lässt sich wohl einer ganz altmodisch in die Pflicht nehmen – und sucht vielleicht auch ein bisschen das Abenteuer. Bewundernswert, aber auch ein wenig irre.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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