Stammzellforschung
Verlorene Unschuld

Ein bisschen schwanger geht nicht. Das ist ein flapsiger Spruch. Doch er illustriert, welch ethisch zweifelhaften Weg der Deutsche Bundestag schon 2002 einschlug, als er erstmals deutschen Wissenschaftlern die Forschung mit importierten embryonalen Stammzellen erlaubte.
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Zur Gewinnung von Stammzellen werden bei der künstlichen Befruchtung übrig gebliebene Embryonen vernichtet, in denen ein vollständiger und einzigartiger neuer Mensch angelegt ist. Diese Vernichtung ist deshalb nach dem Embryonenschutzgesetz in Deutschland verboten.

Daran wollte damals und will heute kein Abgeordneter etwas ändern. Menschliches Leben soll auf deutschem Boden in keiner Form für auch noch so hehre Ziele verfügbar gemacht werden.Um aber deutschen Wissenschaftlern trotzdem die Teilnahme an diesem damals noch recht jungen, aber mit umso größeren Hoffnungen auf künftige Heilung schwerster Krankheiten begleiteten Zweig der Genforschung zu ermöglichen, wurde ihnen der Import von Stammzellen erlaubt. Der Gesetzgeber billigte also schon damals die Vernichtung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken, solange sie nur nicht in Deutschland stattfindet.

Damit aber von deutschen Forschern kein Anreiz ausgeht, immer neue bei der künstlichen Befruchtung übrig bleibende Embryonen zu vernichten, durften nur Zelllinien importiert werden, die vor 2002 erzeugt worden waren. Das war der Versuch, moralisch nur „ein bisschen schwanger“ zu werden. Er ist gescheitert. Dies wurde gestern bei der erneut auf hohem Niveau geführten Bundestagsdebatte über eine mögliche Verschiebung dieses Stichtags auf den 1. Mai 2007 überdeutlich. Tatsächlich hat der Stichtag nicht einmal sein Ziel erreicht, die Vernichtung immer neuer Embryonen zur Stammzellproduktion im Ausland zu verhindern oder wenigsten zu begrenzen. 2002 gab es weltweit rund 70 unterschiedliche Zelllinien. Heute sind es über 500. Über die Forschungsförderung der EU fließen zudem seit Jahren deutsche Steuergelder in Forschungsprojekte mit nach 2002 erzeugten Zellen, ohne dass sich ein deutscher Politiker darüber auch nur aufregt.

Erreicht hat der Stichtag allerdings, dass sich deutsche Embryonenforscher Fesseln anlegen müssen, durch die sie zunehmend von der internationalen Forschung abgekoppelt zu werden drohen. Vor allem die Forschung mit aus dem Gewebe von Erwachsenen gewonnenen Stammzellen, die über 90 Prozent der deutschen Stammzellforschung ausmacht, ist auf neue embryonale Stammzelllinien als Referenzgröße angewiesen.

Dabei geht es nicht nur darum, dass Deutschland bei der Gesundheitsforschung in der Spitzengruppe bleibt. Es geht – auch wenn mancher das in dieser ethisch höchst aufgeladenen Debatte gerne ausblenden möchte – um das erhebliche ökonomische Potenzial, das in dieser Forschung steckt. Sollte es eines Tages gelingen, die Fähigkeit von Stammzellen, sich in alle Formen menschlichen Körpergewebes zu entwickeln, zur Therapie schwerer Krankheiten zu nutzen, wäre das die Geburtsstunde eines neuen, milliardenschweren Wirtschaftszweiges.

Das alles spricht dafür, nicht weiter an der Doppelmoral, der das Stammzellgesetz folgt – im Ausland zu billigen, was in Deutschland verboten ist

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