Südafrika
Kitsch und Chaos

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Selten ist die Bewunderung für ein Land derart schnell blankem Entsetzen gewichen wie nun gegenüber Südafrika. Fassungslos starrt die Welt auf die Gewaltexzesse in den Townships um Johannesburg, wo Jugendbanden seit Tagen Jagd auf Immigranten machen. Die jahrelang vom Westen gepriesene Harmonie, für die das Land auch den Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft erhielt, hat sich als trügerischer Versöhnungskitsch entpuppt.

Dass es so weit kommen konnte, liegt auch daran, dass die vermeintliche Regenbogennation lange Zeit nichts falsch machen konnte. Weil der Westen hier unbedingt eine afrikanische Erfolgsgeschichte wünschte, übersah er geflissentlich alle Warnsignale. Fast über Nacht wird nun deutlich, auf welch dünnem Fundament die junge Demokratie am Kap ruht. Eine Erkenntnis, die zunächst die Lichtgestalt Nelson Mandelas und dann der Rohstoffboom verdeckt hatten.

Zwei Jahre vor der Fußball-WM hat ein geballter Mix schlechter Nachrichten den Optimismus in einen fast apokalyptischen Pessimismus verkehrt. Neben dem nun sichtbaren Fremdenhass beunruhigt vor allem die tiefe Führungskrise im ANC, der Regierungspartei. Während sich die frühere Widerstandsbewegung seit langem in einem Machtkampf verschleißt, treibt das Land führungslos dahin. Auf der einen Seite steht der parteiintern isolierte Präsident Thabo Mbeki, der Südafrika beinahe diktatorisch regiert und die Spaltung zwischen den Rassen eher noch vertieft. Auf der anderen Seite sein populistischer Herausforderer Jacob Zuma, von dem niemand so recht weiß, für welche Politik er steht.

Vor allem viele Weiße befürchten, dass nun auch Südafrika den Weg des übrigen Kontinents geht, und packen ihre Koffer. Seit 1994 ist ihre Zahl um 20 Prozent auf knapp vier Millionen gesunken, wobei vor allem die dringend benötigten jungen Fachkräfte das Land verlassen.

Die allgemeine Verunsicherung wird noch durch eine Energiekrise verschärft, die Südafrikas schleichenden Niedergang zu bestätigen scheint. Abgesehen von der hohen Kriminalität hat die Menschen am Kap zuletzt nichts mehr demoralisiert als der chronische Mangel an Strom.

Besorgniserregend ist an der jüngsten Krise vor allem, dass die Polizei nicht in der Lage war, die Unruhen zügig zu kontrollieren. Der nun angeordnete Einsatz der Armee ist nur ein weiteres Indiz dafür, wie schlecht die Sicherheitskräfte am Kap mittlerweile ausgebildet und ausgerüstet sind. Immer häufiger verlässt sich die Regierung darauf, dass die Unruhestifter ermüden und sich die Gewalt von alleine legt.

Dies lässt wenig Gutes für die Sicherheitslage in zwei Jahren erahnen, wenn fast eine halbe Million Menschen zur Fußball-WM ans Kap strömt. Angesichts der Apathie der Regierung gegenüber allen drängenden Fragen ist kaum damit zu rechnen, dass sich bis dahin viel ändert. Noch erschreckender ist, dass der klägliche Zustand der Polizei ein Licht auf den allgemeinen Niedergang des Staates am Kap wirft. Der Abwärtstrend zeigt sich noch an anderen Stellen, etwa beim inkompetenten staatlichen Stromkonzern Eskom oder im hochkorrupten Innenministerium.

Armee und Polizei zahlen nun ihrerseits den Preis für den überstürzten Umbau der Gesellschaft. Das fast besessene Streben der Regierung Mbeki nach einem künstlichen Rassenproporz hat alle wichtigen Institutionen nachhaltig geschwächt. Im neuen Südafrika zählt immer häufiger nicht mehr die Befähigung des Einzelnen, sondern allein die Hautfarbe.

Eigentlich wollte Südafrika der Welt zwei Jahre vor der Weltmeisterschaft zeigen, wie sehr seine Demokratie seit 1994, dem Ende der Apartheid, gereift ist. Stattdessen befindet sich das Land permanent in der Defensive und ist gezwungen, seine Wahl als Gastgeber zu rechtfertigen. Eine Aberkennung der WM durch die Fifa ist jedoch schon deshalb undenkbar, weil dies der symbolische Todesstoß für einen ganzen Kontinent wäre.

Gleichwohl gilt es vor der Kulisse der blutigen Bilder, auch die Perspektive zu wahren. Nachdem der Westen lange Zeit fast jede Fehlentwicklung am Kap ignoriert hat, neigen viele dort nun dazu, die Lage am Kap zu dramatisieren und das Land vorzeitig abzuschreiben – auch das wäre falsch.

Vielleicht entfalten die jüngsten Rückschläge eine heilsame Wirkung und rütteln das Regime am Kap im letzten Augenblick wach. Leicht wird die Wende zum Besseren nach all dem Versäumten jedoch nicht werden. Nach der verheerenden Präsidentschaft von Mbeki bräuchte das Land nun einen Führer, der den Menschen eine neue Vision gibt und die gespaltene Gesellschaft aussöhnt. Doch ein zweiter Mandela ist nirgendwo in Sicht.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent

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