Telekommunikation
Riskante Liebschaft

Wie Don Juan schwärmte einst Telefónica-Präsident Juan Villalonga von seiner Geliebten namens Endemol. Auf einen Schlag wollte der Chef des spanischen Telekom-Riesen zum Weltmarktführer in der Kreation und im Vertrieb von Medieninhalten werden.

Villalonga zahlte die sagenhafte Summe von fünf Milliarden Euro für den niederländischen „Big Brother“-Produzenten, um die strategische Kehrtwende Telefónicas zu besiegeln: Telekom und Medien aus einer Hand. Das war 2000: Höhepunkt des Größenwahns.Sechs Jahre später sind die Träume geplatzt wie Seifenblasen. Telefónica hat seine Medienstrategie aufgegeben. Und Endemol? Der Fernsehproduzent hängt Telefónica wie ein Mühlstein um den Hals und soll schleunigst verkauft werden.

In Italien wird das Endemol-Desaster in diesen Tagen erfolgreich verdrängt. Die Neuausrichtung von Telecom Italia wirft wieder die Frage der Konvergenz von Telekom und Medien auf. Telecom-Italia-Chef Marco Tronchetti Provera will offenbar die Mobilfunktochter Telecom Italia Mobile (TIM) verkaufen und stattdessen das Mediengeschäft mit dem gerissenen Tycoon Rupert Murdoch aufbauen. Kann aber das Mediengeschäft mit Filmen und Fußball den Mobilfunk überhaupt ersetzen?

Im Vergleich zum Boomjahr 2000 stehen die Telekomkonzerne extrem unter Druck. Sie brauchen dringend neue Einnahmequellen. Die Mobilfunkmärkte sind gesättigt. Die Preise verfallen. Zudem sinken auch noch im Festnetz die Umsätze: Gespräche über das Internet ersetzen rapide die klassische Telefonie, auf dem DSL-Markt tobt der Preiskampf. Die Folge: Die Kommunikationsunternehmen müssen ihre Rückgänge unbedingt durch neue Umsatzbringer kompensieren. Bei dieser Suche landen die Konzerne beim Internet-Fernsehen. Die Deutsche Telekom hat bereits begonnen, ein eigenes Hochgeschwindigkeitsnetz zu bauen, um darüber TV in hochauflösender Qualität zu bieten. Über die neuen Superleitungen soll zwar auch noch jede Menge andere Anwendungen laufen. Der Haken dabei aber ist: Niemand kennt sie. Fernsehen bleibt bisher die einzige reale Anwendung, mit der die Telekoms heute rechnen können.

Dabei wird Fernsehen allein nicht ausreichen können, die Umsatzverluste aufzufangen. Die Deutsche Telekom hat allein im ersten Halbjahr im deutschen Festnetz 760 Mill. Euro Umsatz verloren. Der größte europäische Fernsehproduzent Fremantle – eine Tochter des Medienkonzerns Bertelsmann – kommt dagegen im selben Zeitraum nur auf Erlöse von 559 Mill. Euro. Das Beispiel zeigt: Wenn Telekom auf Medien trifft, ist das wie Champions League gegen Landesliga. Die Telekom-Riesen und die Film- und Fernsehunternehmen kämpfen in unterschiedlichen Spielklassen. Das Geschäft mit Fernsehinhalten kann allenfalls ein Baustein in einem neuen Ertrags-Puzzle sein. Selbst wenn Zukäufe für die Telekom-Konzerne noch vergleichsweise preiswert sind, ist eines klar: Der Markt ist nicht nur kleinteilig, sondern auch risikoreich. Hinzu kommt ein Managementproblem: Die Welt der Telekom-Ingenieure lässt sich bisher kaum mit der Medienwelt der Kreativen vereinen.

Heute ist das Mediengeschäft stärker umkämpft als je zuvor. Neue Spieler wie die Kabel- und Satellitenkonzerne drängen in den Markt, von den Internetgiganten wie Google oder Apple ganz zu schweigen. Das Interesse der unterschiedlichen Investoren lässt sich leicht erklären: Die Margen sind verlockend. Sender wie Telecinco in Spanien, TF 1 in Frankreich oder RTL Group in Luxemburg sind dafür ein Beweis. Zudem wächst der Werbekuchen mit neuen Medienangeboten via Handy oder Internet-TV. Der Grund: Über Handy und interaktives Fernsehen können Reklamebotschaften viel gezielter platziert werden als im herkömmlichen TV, weil die Anbieter ihre Kunden sehr genau kennen. Zudem lassen sich neue Erlösquellen wie Wetten, Spielen oder Einkaufen anzapfen.

Die Medienbranche ist für Telekom-Giganten zweifellos verführerisch. Der Liebesentzug der Festnetz- und Mobilfunkkunden macht aber derzeit unvorsichtig. Der Lust nachzugeben kann gefährlich sein. Telefónica hat mit seinem Endemol-Abenteuer bereits vorgeführt: Am Ende scheitert Don Juan.

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