US-Autoindustrie
Einer zu viel

Chrysler ist früher einmal ein richtig großer Konzern mit deutlich mehr als 100 000 Beschäftigten gewesen. Doch dann kam das erste Programm zum Stellenabbau, danach das zweite, dritte, vierte – niemand weiß eigentlich so richtig, wie viele es inzwischen geworden sind.
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Es bedarf keiner allzu großen hellseherischen Fähigkeiten: Chrysler wird bald weniger als 50 000 eigene Mitarbeiter haben. Dem drittgrößten US-Autokonzern droht der Abstieg von einem Komplettanbieter mit breiter Modellpalette hin zu einem Nischenhersteller. Eine Überlebenschance haben nur die Konzernteile, die einigermaßen Ertrag versprechen.

Das Problem für den Automobilstandort USA: Nicht nur Chrysler steht vor der x-ten Abbaurunde. Auch Ford, die Nummer zwei des Landes, hat aufgrund der Absatzprobleme auf dem heimischen Markt schon wieder die nächste Sparrunde für die nordamerikanischen Werke angedeutet. Bleibt der Konzern bei seiner bisherigen Linie, drohen horrende Verluste in Milliardenhöhe. Beim Marktführer General Motors (GM) geht es derzeit zwar etwas ruhiger zu. Doch das ist kein Widerspruch – GM hat seine tiefsten Einschnitte einfach schon hinter sich gebracht.

Jedem US-Automanager wird klar sein, dass die Sparrunden mit fünfstelligem Stellenabbau nicht unendlich weitergehen können, vor allem was Ford und Chrysler betrifft. Schrumpfen beide weiter in diesem Ausmaß, werden sie irgendwann nicht mehr handlungsfähig sein. GM als Marktführer ist einfach noch ein deutliches Stück größer und kann mehr wegstecken. Für Ford und Chrysler stellt sich inzwischen die Überlebensfrage. Die beiden Unternehmen sind unzweifelhaft die Hauptverlierer auf dem amerikanischen Automarkt. Noch in den 70er-Jahren dominierten die „Big Three“ aus Detroit das Geschehen: Mehr als zwei Drittel der in Nordamerika verkauften Autos kamen aus ihren Fabriken.

Doch steter Tropfen höhlt den Stein – und das sind in diesem Fall die Japaner. Nach und nach haben sie sich in den USA ausgebreitet. Toyota & Co. liegen inzwischen bei einem Marktanteil von etwa 40 Prozent, nicht mehr allzu weit entfernt von den drei Konkurrenten aus Detroit. Seit ihren Anfängen in den 80er-Jahren sind die Japaner zu einer entscheidenden Größe auf dem US-Automarkt geworden. Und ein jeder kann sich vorstellen, dass diese Entwicklung auch in den nächsten Jahren weitergehen wird. Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis Toyota General Motors als größten Hersteller in den USA ablöst. Autos aus japanischer Produktion sind einfach besser und zuverlässiger.

Als der US-Automarkt noch zulegte, konnten die drei aus Detroit die neue Konkurrenz aus Japan einigermaßen wegstecken. Doch seitdem die Absatzzahlen in Amerika fallen, geht es bei den heimischen Anbietern dramatischer zu. Ein wachsendes Angebot führt bei fallender Nachfrage einfach dazu, dass die schwächsten Hersteller aus dem Markt gedrängt werden. Und das sind Chrysler und Ford.

Gibt es noch eine Chance für die beiden? Im Prinzip ja, doch es wird immer schwieriger. Bei Chrysler hat sich in diesem Jahr mit Cerberus erstmals eine Private-Equity-Gesellschaft an einen Autohersteller herangewagt und als neuer Mehrheitseigentümer einen weiteren Sanierungsanlauf gestartet. Die Einschnitte gehen tief, mehr als 10 000 Mitarbeiter bei Chrysler werden zusätzlich gehen müssen.

Cerberus bleibt nicht viel anderes übrig, als Chrysler auf die profitablen Bereiche zurückzuschneiden. Bei Ford wird auf absehbare Zeit wahrscheinlich dasselbe passieren. Schon gibt es die ersten Gerüchte, dass sich die Ford-Familie zurückziehen könnte, um einer Private-Equity-Gesellschaft das Feld zu überlassen.

Warum nicht Cerberus? Die erfahrenen Sanierer würden aus Chrysler und Ford ein neues und wahrscheinlich überlebensfähiges Unternehmen machen, das es auf dem amerikanischen Markt mit den Japanern aufnehmen könnte. Ein Zusammenschluss der beiden schwächeren Hersteller aus Detroit wäre jedenfalls eine durchaus logische Antwort auf die Krise der amerikanischen Autoindustrie. Es gibt kein Naturgesetz, dass es auf ewig bei den „Big Three“ bleiben muss. Ford und Chrysler selbst haben in der Vergangenheit immer wieder kleinere amerikanische Konkurrenten aufgekauft.

Mit Hilfe von Finanzinvestoren könnte die längst fällige Bereinigung auf dem US-Automarkt jedenfalls endlich Realität werden. Sie würden sich an das herantrauen, was ihre Vorgänger aus den Autokonzernen in den zurückliegenden Jahren einfach nicht gewagt hatten. Heute gibt es auf dem US-Automarkt einfach einen Anbieter zu viel.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie

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