US-Autoindustrie
Tod auf Rezept

Wer will, darf bald zu Hause bleiben. Die Abfindungsangebote hängen am schwarzen Brett. Nach General Motors (GM) und Ford setzt mit Chrysler auch der dritte große amerikanische Autokonzern den Personalabbau fort. In einigen Monaten wird sich der jüngste Aderlass in der Branche auf 285 000 Jobs erhöht haben.

Die Botschaft ist alarmierend genug, aber längst nicht die ganze Wahrheit. Was die US-Ikonen ihren leidgeprüften Aktionären bisher verschweigen: Der Personalabbau wird das Siechtum rund um Detroit allenfalls verlangsamen, aber nicht beenden. Das Auto-Mekka krankt an zu vielen Stellen: Qualitätsprobleme, Innovationsschwächen, verkrustete Produktionsstrukturen und schlechtes Marketing haben im Verbund mit hohen Personalkosten dazu geführt, dass Japaner und Europäer im weltgrößten Automarkt längst auf der Überholspur fahren. Im laufenden Jahr wird sich daran nichts ändern, weil auch das zentrale Sanierungsthema im US-Autobau ungelöst bleibt: die ausufernden Kosten für die Gesundheitsvorsorge für aktuelle und frühere Mitarbeiter. Entgegen landläufiger Meinung, die „Big Three" würden durch ihren radikalen Sparkurs konkurrenzfähiger, steigen die Kostennachteile am Standort Detroit weiter. Berechnungen der Ratingagentur Fitch zufolge wird Ford 2007 pro gefertigtes Auto erstmals mehr als 1 000 Dollar allein für die Gesundheitsvorsorge aufwenden. Bei GM sind es gar knapp 1 800 Dollar, weil der strauchelnde Marktführer immer mehr (Früh-)Pensionäre versorgen muss. Auf einen aktiven GM-Arbeiter kommen inzwischen drei Rentner.

Auch die Analyse bei Chrysler fällt verheerend aus. Dort haben sich die Zahlungen zur Gesundheitsvorsorge seit 2000 auf mehr als zwei Milliarden Dollar pro Jahr verdoppelt. Als Daimler-Chrysler im letzten Jahr um Erleichterungen bat, lehnte die Auto-Gewerkschaft UAW Verhandlungen ab mit dem Hinweis, die deutsche Konzernmutter schreibe in der Heimat Milliardengewinne. Dies mag erklären, warum es die Daimler-Chefetage so eilig hat mit ihrem Scheidungsverfahren. Während hier zu Lande „Vater Staat“ dafür sorgt, dass die Beschäftigten ihre Lebensrisiken abdecken, sind in den USA die Konzerne in der Pflicht. Als die Belegschaften noch jung und gesund waren und der Wettbewerb national begrenzt, schmerzte das nicht sonderlich. Doch 60

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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