US-Demokraten
Starke Abnutzung

Seit Wochen tritt Howard Dean in schöner Regelmäßigkeit sonntags in mindestens einer der Polit-Talkshows im US-Fernsehen auf. Die Fragen an den Chef der Demokratischen Partei kreisen dabei immer nur um ein Thema: Wann und wie wird die Partei darüber entscheiden, wer für sie im November ins Rennen um das Weiße Haus geht
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. Und mit jeder weiteren Woche des zermürbenden Wahlkampfes zwischen Hillary Clinton und Barack Obama windet sich Dean mehr um eine Antwort. Warum? Weil es inzwischen kaum noch gute Antworten gibt. Was auch immer die Demokraten entscheiden, es stürzt sie in ein Dilemma.

Nominieren die Demokraten Barack Obama nicht, weil sie ihm am Ende doch nicht zutrauen, dass er die Wahlen gewinnen kann, dann kippen sie den ersten wirklich aussichtsreichen afro-amerikanischen Bewerber um die Präsidentschaft. Für die vielen in der Partei, die sich als Avantgarde in den USA verstehen, wäre das nicht weniger als ein historisches Versagen. Die Demokraten müssten zudem damit rechnen, dass sie durch ein solches Votum genau jene Unterstützer wieder verlieren, die sie mit Obama gerade erst gewonnen haben. Auf Sicht würde den Liberalen der Makel anhaften, die Partei des Establishments zu sein, die der Mut verlässt, wenn es darauf ankommt.

Diese Gefahr ist durchaus real. Denn nach Hillary Clintons Sieg in Pennsylvania wird immer offener diskutiert, warum es Obama nicht gelingt, das Rennen für sich zu entscheiden. So klar wir nie zuvor werden jetzt seine Defizite bei den unteren Einkommensgruppen, bei Arbeitern und bei Älteren deutlich. Und gleichzeitig fällt seine große Abhängigkeit von Schwarzen, von jungen und gut ausgebildeten Wählern auf.

Natürlich ist die Argumentation der Clinton-Kampagne völlig ungeprüft, dass Obama auf Grund dieser Schwächen die wichtigen Swing-States gegen John McCain nicht gewinnen könnte. Denn diese Argumentation setzt voraus, dass sich Clinton-Wähler Obama massenhaft verweigern würden. Dennoch legt Clinton mit ihrer Kritik einen Finger in die Wunde. Und könnte tatsächlich etliche Super-Delegierten zu einem Wechsel der Seiten bewegen.

Allerdings gilt auch: Nominieren die Demokraten Obama und verlieren gegen John McCain, dann wäre dies der wohl größte anzunehmende Unfall für die Partei. Nach acht Jahren einer in höchstem Maß polarisierenden Präsidentschaft von George W. Bush ist ein Sieg im November fest gebucht. Alles andere als die Rückkehr ins Weiße Haus ist für die Demokraten praktisch unvorstellbar. Parteiintern wird davon gesprochen, dass eine Niederlage gegen McCain die Demokraten regelrecht paralysieren könnte. Wenn ein Sieg gegen einen Präsidenten mit den seit Jahrzehnten schlechtesten Umfragewerten, einem unpopulären Krieg und einer Wirtschaftskrise nicht gelingt – wann dann?

Vier Monate nach dem Beginn der Vorwahlen gilt das, was zunächst als Vorteil gesehen wurde, auf einmal als Nachteil: über zwei formidable Kandidaten für die Präsidentschaft zu verfügen. Mit jeder weiteren Vorwahl, die das Patt zementiert, verrinnt die Hoffnung, dass sich eine Lösung von selbst ergibt. So wird jede Vorwahl zur Entscheidungsschlacht stilisiert. Doch tatsächlich befördert jeder weitere Showdown nicht etwa neue Erkenntnisse, sondern nur weitere Beschädigungen.

Schon jetzt ist Obama nicht mehr der strahlende „neue Kennedy“, als der er im Januar gestartet war. Und Hillary Clinton erntet zwar Respekt für ihr Durchhaltevermögen. Doch die Einschätzung ihres Charakters fällt nach den vielen Tricks und Finten der letzten Monate alles andere als bewundernd aus. In Wahrheit sind die Abnutzungserscheinungen bei beiden Kandidaten schon jetzt so stark, dass sie sich eine Fortsetzung der Dauerfehde eigentlich nicht leisten könnten.

Doch es niemand da, der eine Entscheidung zur Not auch erzwingen könnte. Im amerikanischen System verschwinden die Parteien hinter den Kandidaten. Sie sind Wahlhelfer, Spendensammler, oft nur Organisationskomitees. Ein Parteichef wie Howard Dean kann bestenfalls appellieren, nicht aber wirklich Einfluss nehmen. Mit Geld schon gleich gar nicht: Hillary Clinton und Barack Obama sind um Vieles reicher als die Partei für die sie antreten. Bliebe die moralische Autorität, etwa die eines Al Gore. Doch auch der frühere Vize-Präsident hält sich mit Ratschlägen zurück. Hillary und Obama würden wohl ohnehin nicht auf ihn hören.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent

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