US-Finanzkrise
Spiel auf Zeit

Misst man den neuen Superfonds an der Marktreaktion, dann haben die großen US-Banken mit ihrer Rettungsaktion das erste Etappenziel erreicht.
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Die Risikoprämien sind leicht zurückgegangen. Und viele Banker an der Wall Street klopfen sich gegenseitig auf die Schultern, weil sie die vermeintlich geniale Idee hatten, ihre zahlreichen Risiken einfach in einen großen Topf zu werfen. Und im US-Finanzministerium herrscht klammheimliche Freude, weil Amtschef Hank Paulson durch seine geschickte Vermittlung das Engagement der Regierung in der Finanzkrise unterstrichen hat, ohne den ordnungspolitischen Sündenfall einer Staatshilfe zu begehen.

Die Finanzkrise zeichnet sich jedoch vor allem dadurch aus, dass nichts so ist, wie es scheint. Und genau das ist auch das Problem des neuen Superfonds. Zunächst räumt die staatlich inszenierte Rettungsaktion der Banken mit den Zusicherungen vieler Top-Banker in den letzten Tagen auf, die Finanzkrise sei bereits überstanden. Aber wenn das Schlimmste schon hinter der Finanzbranche liegen würde, wozu benötigt sie dann einen Notfonds?

Tatsächlich handelt es sich bei der Aktion der Banken um das Eingeständnis, dass die Krise bei weitem noch nicht überwunden ist. Bis die Banken das rettende Ufer erreicht haben, versuchen sie, sich mit einem riskanten Spiel auf Zeit die unmittelbaren Gefahren vom Hals zu schaffen.

Der Superfonds soll dazu sogenannten strukturierten Investmentvehikeln und Conduits schwer verkäufliche Schuldtitel abkaufen. Dabei handelt es sich um Zweckgesellschaften, mit denen die Banken außerhalb ihrer Bilanzen lange ein lukratives Geschäft betrieben. Die Bankenableger leihen sich auf dem kurzfristigen Markt für Commercial Paper Geld, um damit länger laufende Schuldverschreibungen wie Hypothekendarlehen oder Autokredite aufzukaufen. Die Zinsdifferenz entlang der Zeitachse sorgt normalerweise für kräftige Gewinne.

Seitdem die Anleger jedoch im Zuge der Subprime-Krise das Vertrauen in viele Kreditprodukte verloren haben, gelingt es den Zweckgesellschaften kaum noch, sich am kurzfristigen Markt für Commercial Paper zu refinanzieren. Die Banken hoffen jetzt, dass der von ihnen gestützte Superfonds diese Vertrauenslücke schließen kann. Zugleich verhindert der Fonds, dass die Bankableger sich durch Panikverkäufe aus ihren Liquiditätsengpässen befreien. Das würde die Preise für zahlreiche Kreditprodukte in den Keller treiben und damit auch bei Banken und Hedge-Fonds zu entsprechenden Wertberichtigungen führen. Hierbei handelt es sich keineswegs um Peanuts. Nach Angaben der Ratingagentur Moody’s halten die Zweckgesellschaften Schuldtitel in Höhe von rund 320 Milliarden Dollar in ihren Büchern. Davon soll etwa ein Viertel allein auf die Citigroup entfallen. Diese gehört neben JP Morgan und der Bank of America deshalb zu den Gründern des Superfonds.

Die Banken setzen darauf, dass die Anleger im Sommer überreagiert haben und bald an die Kreditmärkte zurückkehren. Der Superfonds soll die im Moment illiquiden Schuldtitel so lange halten, bis sich wieder ein Marktpreis bildet, der ihrem „fairen Wert“ entspricht. Geht die Rechnung auf, wird eine zweite Kreditklemme abgewendet und die Banken verdienen durch den Superfonds auch noch üppige Gebühren.

Ob die Investoren im Sommer wirklich überreagiert haben, ist jedoch eine offene Frage. Die Signale vom US-Immobilienmarkt deuten nach wie vor auf eine stark steigende Zahl von Zahlungsausfällen hin. Ein Trend, der nach Angaben der Citigroup auf andere Konsumentenkredite überzugreifen droht. Zeigt sich jedoch, dass die Wertverluste für viele Kreditprodukte nicht überzogen, sondern gerechtfertig waren, dann wird das Vertrauen der Anleger nicht zurückkehren. Der Superfonds wäre dann in der gleichen unangenehmen Lage, in der sich die Zweckgesellschaften der Banken bereits heute befinden.

In der Zwischenzeit könnte sich die Situation für die Bankenableger weiter zuspitzen. Bleiben sie doch auf den riskantesten Hypothekenpapieren sitzen, dann dürfte es künftig noch schwerer sein, sich auf dem Markt für Commercial Paper zu refinanzieren. Zudem sind sie auch noch direkt am Superfonds beteiligt und würden dessen mögliche Probleme als Erste zu spüren bekommen. Für die Banken könnte das Experiment somit böse enden. Im schlimmsten Fall müssten sie nicht nur ihren Zweckgesellschaften finanziell zur Hilfe eilen, sondern auch noch die unverkäuflichen Schuldtitel des Superfonds mit erheblichen Abschreibungen in ihre Bilanz einstellen. Diese bittere Erfahrung lässt sich künftig vermeiden, wenn die Kreditinstitute die relevanten Risiken aus ihren Investments gleich in ihren Büchern ausweisen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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