US-Notenbank
Blasenleiden

Notenbanker sind nicht allwissend, aber auch nicht ahnungslos bei Marktexzessen.
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Als Alan Greenspan 2002 gefragt wurde, ob das Platzen der Internetblase ein heilsamer Schock gewesen sei, versicherte der damalige US-Notenbankchef, dass es lange dauern würde, bevor sich die Anleger wieder von einem derartigen irrationalen Überschwang fortreißen ließen. Ein folgenschwerer Irrtum des Maestros der Geldpolitik.

Nur wenige Jahre später bildete sich in den USA die nächste Spekulationsblase, diesmal auf dem Immobilienmarkt. Die Folgen bezeichnet der inzwischen pensionierte Greenspan als größtes Finanzdesaster seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Dass seine lockere Geldpolitik zwischen 2001 und 2006 die Blase erst aufgepumpt hat, bestreitet er energisch.

Dennoch hat die schnelle Folge von zwei riesigen Spekulationswellen die Notenbanker weltweit nachdenklich gemacht. Sogar bei der Fed in Washington wird jetzt darüber diskutiert, ob die Zentralbanker nicht aktiver gegen Exzesse auf den Finanzmärkten vorgehen müssen. Es sind noch erste Überlegungen, die vor allem auf die Frage zielen, ob regulatorische Schritte frühzeitig der Blasenbildung entgegenwirken können.

Sollte die Fed zu einer positiven Antwort kommen, wäre das eine radikale Abkehr von der noch immer geltenden Greenspan-Doktrin. Der Notenbanker a.D. behauptet bis heute, dass sich Spekulationsblasen erst erkennen lassen, wenn sie bereits geplatzt sind. Der Zentralbank bleibe deshalb nichts anderes übrig, als die negativen Folgen für die reale Wirtschaft durch Zinssenkungen zu mildern. Eine Meinung, die mit Greenspans Nachfolger Ben Bernanke auch die Mehrheit der US-Ökonomen bislang geteilt hat.

Ohne Zweifel ist es enorm schwierig, den Punkt zu bestimmen, ab dem ein fundamentaler wirtschaftlicher Fortschritt in eine irrationale Hysterie umschlägt. Die Internetblase ist dafür ein gutes Beispiel. Der verstärkte Einsatz von Hochtechnologien hatte zu Beginn der 90er-Jahre das Wachstumspotenzial der US-Wirtschaft gesteigert. Die damals stark gestiegene Zunahme der Produktivität belegt das. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre löste sich das Geschehen auf den Finanzmärkten jedoch von der wirtschaftlichen Realität.

Greenspan spürte das und warnte in seiner berühmten Rede 1996 vor dem „irrationalen Überschwang“ an den Märkten. Ein deutliches Zeichen dafür, dass die Notenbanker zwar nicht allwissend sein können, aber auch nicht ahnungslos sind. Leider ließ Greenspan seiner Warnung keine Taten folgen, sondern kehrte die Scherben der Dotcom-Party mit Zinssenkungen zusammen.

Auch in der aktuellen Immobilienkrise hat es an frühzeitigen Warnungen innerhalb der US-Notenbank nicht gefehlt. So drängte der kürzlich verstorbene Fed-Gouverneur Edward Gramlich Greenspan bereits im Jahr 2000, gegen die lockere Kreditvergabe der amerikanischen Baufinanzierer vorzugehen. Der ließ sich nicht überzeugen. Stattdessen senkte er den Leitzins auf ein Prozent und steigerte noch die Gier auf dem Immobilienmarkt.

Interessanterweise widerspricht die Greenspan-Doktrin beim Umgang mit Spekulationsblasen dem ebenfalls von ihm maßgeblich bestimmten Risikomanagement der US-Notenbank. Greenspan und auch sein Nachfolger Bernanke sind überzeugt, dass die Notenbanker die Pflicht haben, die Wirtschaft vor gravierenden Risiken zu schützen, selbst wenn deren Eintrittswahrscheinlichkeit gering ist. In diesem Sinne müsste die Fed auch dann gegen Übertreibungen auf den Finanzmärkten einschreiten, wenn sie noch nicht überzeugt davon ist, dass es sich um eine Spekulationsblase handelt.

Bleibt die Frage, ob die Notenbanker überhaupt die richtigen Mittel haben, um Exzesse auf den Finanzmärkten zu verhindern. Die Zinspolitik als stärkste Waffe der Zentralbank eignet sich nur bedingt. Dreht die Notenbank aus Furcht vor Marktübertreibungen zu früh den Kredithahn zu, läuft sie Gefahr, den wirtschaftlichen Fortschritt abzuwürgen. Besser geeignet ist es dagegen, die Finanzaufsicht zu stärken und gegen Exzesse mit regulatorischen Mitteln vorzugehen. Dazu gab es bei beiden Spekulationsblasen der vergangenen zehn Jahre Gelegenheit.

Während der Interneteuphorie hätte die Fed frühzeitig die Mindestsicherheiten (margin requirements) für den Handel auf den Finanzmärkten anheben können. Auch darüber wurde während der 90er-Jahre diskutiert. Im Fall der Subprime-Krise hat es die US-Notenbank versäumt, frühzeitig die dubiosen Praktiken bei der Vergabe von riskanten Hypotheken zu unterbinden.

Entscheidet sich die Fed, künftig aktiver gegen Marktexzesse vorzugehen, sollte sie deshalb zunächst ihren Pflichten in der Finanzaufsicht nachkommen. Erst danach kann man über den Einsatz der Zinspolitik nachdenken.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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