US-WAHLEN
Giulianis Risiko

Lange sah es so aus, als sei Rudolph Giuliani der klare Favorit als Präsidentschaftskandidat der Republikaner.
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Aus den Vorwahlen in Iowa und mit Abstrichen auch in New Hampshire wollte er sich deshalb im Vollgefühl seiner Stärke heraushalten, um Kosten zu sparen. Der eher liberale Ex-Bürgermeister von New York schätzte außerdem in dem konservativen Agrarstaat Iowa seine Chancen von Beginn an so niedrig ein, dass er auf einen richtigen Wahlkampf verzichtete.

In der Folge war Giuliani nur selten in den beiden US-Bundesstaaten zu sehen, die im Januar den Wahlauftakt geben. Sein Kalkül: Selbst eine Niederlage im Januar in Iowa könne er durch einen Triumphzug in Florida und vor allem in den zahlreichen bevölkerungsstarken Bundesstaaten ausgleichen, die sämtlich am 5. Februar wählen.

Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet. Die Probleme in Giulianis Kampagne nehmen zu. Gefährlich für ihn könnte seine enge Beziehung zu Bernard Kerik werden, den er zum Polizeichef von New York ernannt hatte. Kerik wurde später wegen Vorteilsnahme und Steuerhinterziehung verurteilt. Die Nähe zu dieser zwielichtigen Figur schlachten die Gegner Giulianis aus, um zumindest seine Urteilsfähigkeit infrage zu stellen.

In Mitt Romney hat Giuliani außerdem einen Wettbewerber, der aus einer deutlich besser gefüllten Wahlkampfkasse schöpfen kann. Romney, der ehemalige Gouverneur von Massachusetts, kann viele Millionen ausgeben, die er entweder als Spenden eingesammelt hat oder schlichtweg aus seinem eigenen großen Vermögen nimmt.

In den Umfragen zahlt sich dies aus: Romney führt in Iowa die Umfragen gemeinsam mit Mike Huckabee an, dem Ex-Gouverneur von Arkansas und Favoriten vieler Evangelikaler. Allerdings müssen diese beiden auch noch ihren Bekanntheitsgrad deutlich steigern. Dies hat Giuliani nicht mehr nötig. Als Bürgermeister von New York zum Zeitpunkt der Anschläge am 11. September 2001 stand er für Wochen und Monate im Zentrum des nationalen und internationalen Interesses. Wer Giuliani ist, weiß seither jedes Kind in den USA.

Doch je näher der Wahltermin rückt, desto mehr wandelt sich das Bild in der Giuliani-Kampagne. In seinem Team wächst die Sorge, dass sich die riskante Strategie, Iowa und New Hampshire zu ignorieren, als Fehler erweisen könnte. So geht Giuliani in Iowa und New Hampshire als Späteinsteiger jetzt doch auf Tour. Völlig kampflos will der gebürtige New Yorker die beiden Staaten seinen Konkurrenten nicht überlassen. Der 63-Jährige hat zuletzt rund fünf Millionen Dollar in Iowa investiert, um dort seine Präsenz zu erhöhen. Er versucht per Direktmailing, seine Klientel zu mobilisieren, und lässt Spots in konservativen Talk-Radios schalten.

Gleichzeitig feilt Giuliani an seinem Politikprofil. Denn der gelernte Jurist könnte allzu leicht in die Falle geraten, lediglich als Kandidat mit einem Thema identifiziert zu werden. Dazu hat er selbst nach Kräften beigetragen. Wieder und wieder hat er auf Veranstaltungen seine Rolle nach den Anschlägen, bei der Bekämpfung von Terrorismus und Verbrechen herausgestellt. Giulianis Agenda wird deshalb vor allem mit einem Schlüsselwort verknüpft: „Security“. Doch in einem Wahlkampf, der sich in den letzten Wochen zusehends weg vom Thema Irak und hin zu Fragen wie Gesundheits- und Steuerpolitik bewegt hat, kann Giuliani mit seinem eindimensionalen Kurs nicht mehr allzu viel punkten. Also spricht er inzwischen auffällig oft über Sozialpolitik und den verantwortungsbewussten Umgang mit Steuergeldern. Und dies nun auch in Iowa und New Hampshire.

In der Vergangenheit haben diese beiden Bundesstaaten meist den nationalen Trend vorgezeichnet. Wer dort gewann, der war zumeist auch in den anderen Bundesstaaten ganz vorne mit dabei. Und vor allem: Noch nie in der Geschichte der Republikaner hat am Ende ein Kandidat die Nominierung gewonnen, der die beiden ersten Vorwahlen verloren hat. Das Giuliani-Team wischt jedoch solche historischen Verweise vom Tisch. 2008 sei völlig anders als je zuvor, heißt es dort.

Richtig ist, dass es niemals zuvor eine solch dichte Abfolge von Wahlen in den ersten Wochen des Jahres gegeben hat, was die Bedeutung der ersten Vorwahltermine möglicherweise tatsächlich mindert. Und ein Novum ist auch, dass nach dem 5. Februar bereits die Hälfte sämtlicher Vorwahlen vorbei sein wird. Klarheit über die jeweiligen Spitzenkandidaten könnte es diesmal so früh wie nie zuvor geben. Allerdings ist auch das Rennen offen wie selten zuvor, da erstmals seit den 50er-Jahren kein Amtsinhaber, weder Präsident noch Vize, beim Kampf um das Spitzenamt im Weißen Haus dabei ist. Die Wahl 2008 ist faszinierend spannend.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent

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