US-Wahlkampf
Die neue Dimension

Ist es eine bessere Form von Demokratie, wenn Bürger und Wähler nun direkt ihre Fragen an die Kandidaten stellen können – so wie jetzt bei einer von CNN und Youtube inszenierten Debatte in den USA geschehen? Nicht unbedingt, denn von den rund 3 000 eingesandten Videos wurden gerade einmal 39 ausgestrahlt.
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Zudem: Die Auswahl erfolgte nicht nach einem objektiven Ratingprinzip, sondern lag in der Hand des Nachrichtenkanals CNN. Doch dass dieses Experiment überhaupt probiert wurde, dass es auf so breite Resonanz stieß und dass es letztlich auch glückte, sagt etwas ganz anderes aus: Es sagt etwas über das Tempo, mit dem das Internet die Welt verändert. Natürlich hat jeder der demokratischen Kandidaten, die am Montagabend auf dem Campus der Militärakademie in Charleston Antworten gaben, eine eigene Webseite mit den inzwischen üblichen Features. Selbst der knorrige Mike Gravel, mit einem Alter von 77 Jahren ein völlig aussichtsloser Bewerber aus Alaska, wirbt auf seiner Internetseite mit Podcasts und mit dem unvermeidlichen Button für jene, die seiner Wahlkampagne Geld zukommen lassen wollen. Ein paar Klicks und von der Kreditkarte ist die Spende abgebucht. Es sind enorme Summen, die da zusammenkommen können. Und gerade die Kampagne von Barack Obama demonstriert seit Monaten, wie man das Internet professionell nutzt.

Obamas 31 Millionen Dollar, die allein im zweiten Quartal gesammelt wurden, setzten sich zu einem erheblichen Teil aus Kleinspenden zusammen, die von so genannten „Bundlers“ akquiriert werden. Gemeint sind Netzwerker, die ihre Kontakte nutzen, um Spendenlawinen in Gang zu setzen. Denn nur auf die kommt es an. Und nur die machen den Unterschied. Denn während Gravel noch artig und ehrlich den braven Einzelspender umwirbt und auf seiner Webseite auch die kleinste Dollar-Gabe verzeichnet, benötigt der teure Obama-Feldzug ganze Heerscharen von Spendern. Da die Obergrenzen für individuelle Spenden per Gesetz jedoch auf jeweils 2 300 Dollar für die Vorwahlen und die Präsidentschaftswahlen begrenzt sind, geht es um die Masse. Rund 250 000 Kleinspender unterstützen Obama, und bis zu 90 Prozent von ihnen überweisen nur 100 Dollar oder weniger. Anzapfen konnte er dieses Reservoir an Sympathisanten nur über das Internet. Vor fünf oder sechs Jahren wäre dies in diesem Ausmaß noch unmöglich gewesen.

Über das Internet, über E-Mail und Instrumente wie Youtube lassen sich wie nie zuvor Menschen – und damit auch Spender – mobilisieren. Und damit auch traditionelle Muster verändern. Denn es liegt nicht nur an der geringen Popularität des derzeitigen Präsidenten, dass erstmals in der Geschichte die Demokraten beim Spendensammeln mit über 25 Millionen Dollar vor den Republikanern liegen. Das Internet, die gefühlte direktere Demokratie, hat neue Potenziale eröffnet. Das Big Business alleine, das früher für ein gutes finanzielles Polster der Republikaner sorgte, garantiert diesen Vorteil nicht mehr. Die CNN-Youtube-Debatte mit den eingespielten Videos ist da nur die konsequente Fortsetzung dieser Entwicklung. Denn wer spendet, möchte gerne auch mitreden. Und selbst wer mit seinem Video nicht zum Zug kommt, dürfte sich noch immer besser vertreten fühlen, wenn ein Gleichgesinnter in seinem Sinne fragt, als wenn dies eher abstrakt durch einen Moderator geschieht. Die Debatte war deshalb kein „Gimmick“, um Einschaltquoten zu generieren. Sie war vielmehr ein deutlicher Hinweis darauf, in welche Richtung sich die Diskussionskultur weiter verändern wird.

Allerdings: Nicht jeder wird auf diese Reise mitgenommen. Denn nicht jeder möchte und kann sich dem Zwang der neuen Medienwelt unterwerfen. Nicht jeder mag Webseiten am Computerbildschirm lesen, sich in Blogs vertiefen oder das technische Handwerkszeug erlernen, um kleine Filmchen zu produzieren. Ebendas ist auch das Verstörende an der Entwicklung: dass das neue Tempo viele zurücklassen wird. Und diese werden mehr denn je verächtlich über eine Demokratie schimpfen, die sich immer mehr über die Medien, zumindest über die Mediennutzung, definiert.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent

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