US-Wahlkampf
Realität und Sehnsucht

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Die USA sind wieder ein Stück in die Mitte gerückt – doch einig sind sich die Amerikaner noch lange nicht. Die Botschaft, die von den Wahlen des Super Tuesday ausgeht, ist so ambivalent wie das Ergebnis selbst. Der überparteiliche Vereiniger, der die Spaltung des Landes aufheben könnte, ist noch nicht gefunden. Dies gilt sowohl für die beiden demokratischen Spitzenkandidaten Hillary Clinton und Barack Obama als auch für den Sieger bei den Republikanern, John McCain. Zu sehr noch schöpfen alle drei ihre Erfolge aus ganz spezifischen Wählergruppen. Und zu sehr entfremden sie damit auch gleichzeitig andere Teile ihrer potenziellen Wählerschaft.

Allerdings: Die Resultate der Wahlnacht sind auch eine Absage an ideologische Politik. Es setzen sich vor allem jene durch, die einen eher liberalen, pragmatischen Ansatz verfolgen. Dazu zählt allen voran John McCain. Der 71-jährige Republikaner folgt zwar vielen Prinzipien – doch ohne ideologische Zwangsjacke. In die begab sich allzu schnell Präsident George W. Bush, nachdem er im Jahr 2000 das Weiße Haus erobert hatte. Und erst gegen Ende seiner Amtszeit – und damit viel zu spät – legt Bush einen Teil der Scheuklappen ab.

McCain will diesen Fehler von Beginn an vermeiden. Dafür muss er in Kauf nehmen, dass ihm substanzielle Teile der Republikaner, die unter der Präsidentschaft von George W. Bush geprägt wurden, den Rücken kehren. McCain verkörpert eine republikanische Partei, wie sie mehrheitlich bis in die 80er-Jahre existierte. Demokraten und Republikaner mögen damals in verschiedenen politischen Lagern gewesen sein, doch in der Sache haben sie stets quer durch die Reihen argumentiert und abgestimmt. Persönliche Freundschaften zwischen den Fraktionen waren nicht die Ausnahme, sondern üblich.

Ebendas prägte auch die politische Sozialisation des Politikers John McCain. Nur: Das politische Geschäft im Kongress hat sich in den letzten 20 Jahren dramatisch verändert. Spätestens nachdem Mitte der 90er-Jahre der Sprecher des Repräsentantenhauses, Newt Gingrich, die „Republican Revolution“ ausgerufen hat, grenzen sich die Lager schärfer ab. Sie suchen heute mehr denn je das Trennende als das Verbindende. Vor diesem Hintergrund erscheint der Erfolg von McCain wie der sehnsüchtige Ruf nach der guten alten Zeit. Doch ob sich diese so einfach wiederbeleben lässt, ist völlig offen.

Den Bruch zwischen Washington und dem Rest des Landes, den Wunsch nach Konsens verkörpert auch der Erfolg von Barack Obama. Kein anderer Kandidat führt mit einem solch universalen Anspruch Wahlkampf. Obama will das rote und blaue, das konservative und liberale Amerika wieder einen. Auch wenn Kritiker ihm vorhalten, seine Vorstellungen seien allzu luftig – mit seiner Botschaft trifft auch Obama einen Nerv. Hillary Clinton mag am Super Tuesday mehr Delegierte als Obama gewonnen haben. Doch der Trend läuft nicht für, sondern gegen sie.

Es ist zu hoffen, dass die Signale, welche die Amerikaner ausgesandt haben, von den Parteien verstanden werden. Sie haben es in der Hand, ihre Kandidaten vor der Demontage durch Ideologen in den eigenen Reihen zu schützen. Es steht in diesem komplexen und globalisierten Jahrhundert für die USA schlichtweg zu viel auf dem Spiel, als dass man sich weitere Grabenkämpfe leisten könnte.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent

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